Es gibt Neuigkeiten zum Publikumsliebling des Belvederes, Franz Xaver Messerschmidt und seinen "Charakterköpfen": Lange nach der Diagnose von Ernst Kris 1932 hat der tschechische Psychiater Michal Marálek 2011 bei dem Künstler die Nervenkrankheit Dystonie in Kombination mit einer Psychose vorgeschlagen. Beides schließt einen Verlust des Bewusstseins aus, was sein Streben nach künstlerischer Perfektionierung in Sachen gezeigter Affekte und Varianten der Selbstreflexion in Serie eher aufwertet.

Von der zeitgleichen Charakterkunde Johann Caspar Lavaters oder der Magnettherapie Franz Anton Mesmers rückt man Messerschmidts "Kopfstücke" heute eher ab, da in den Werken eine Trennung von Pathognomik und Physiognomik aufgehoben ist. Also werden die psychologischen Ursachen heute als zweitrangig betrachtet - er wollte vor dem Spiegel die Auswirkung körperlicher Krampfzustände in der Mimik des Gesichts studieren.

Gesichtsverlust

Theatermaske und Rollenspiel sind dabei allerdings mitzudenken. Letzteres katapultiert die Kopfserie ins Interesse der Kunst um 2000. Kurator Axel Köhne stellt die im Belvedere vorhandenen 16 Charakterköpfe nun zehn Jahre nach dem Dialog mit Tony Cragg zehn Positionen gegenüber, wobei er mit Arnulf Rainer, Maria Lassnig und Joseph Beuys beginnt.

Weder Krise noch Gesichtsverlust bewegten Beuys in seinen Gedanken zur "sozialen Plastik", die sich schon im Kopf als Gedanke manifestiert, aber vor allem im Dialog mit anderen - in diesem Fall mit Lutz Mommartz, dessen Experimentalfilm sein Gesicht mit Hut 1969 ohne Ton festhielt. Provokant sind auch die Lebend- und die Totenmaske Beethovens, überarbeitet von Rainer in einer Vitrine, dem Selfie-Wahn entgegengerichtet.

Der kritischen Selbstbefragung des Publikums vor dem Gesicht der Superstarikone Beuys steht am anderen Ende der Orangerie für einen Abschluss des Emanzipationsgedankens Douglas Gordons "30 seconds text" gegenüber. In einem Dunkelraum ist für 30 Sekunden ein Text über ein grausam anmutendes Experiment eines Arztes 1905 mit einem zum Tod durch die Guillotine Verurteilten unter einer Glühbirne zu lesen, danach ist es eben so lange finster und die bösen Bilder entstehen wie von selbst. Gordon versucht auch mit Found-Footage-Material eine stark vergrößerte Gleichstellung von Gesicht und Filmleinwand, um den Horror der Trennung von Kopf und Gesicht zu verdeutlichen, zudem gerät die Maskierung vor dem Spiegel zu "The Making of Monster". 20 Jahre davor hat Bruce Nauman begonnen, mit Videoinstallationen und seinen Studien für Hologramme unsere "faciale Gesellschaft" (Thomas Macho) zu verunsichern. Bei Maria Lassnig hatte der skulpturale Kopf anfangs kein Gesicht, später versucht sie ihre innere Erfahrung auf die Leinwand zu übertragen, dabei kann es zu Ausstülpungen und plastisch sogar zur "Gehirnausschüttung" kommen, da wird der Kopf, gleichbedeutend dem lateinischen Caput, wieder ein Gefäß.

Ausgesparte Körperteile können zum Material werden oder zu karikaturhaften Projektionen wie bei Tony Oursler. Rainers überarbeitete Fotografien - zuerst nach Messerschmidt, dann seine eigenen "Face Farces", dann die Totenmasken" finden neben Kurt Krens Formalfilm von 1960 zu den 48 Köpfen aus den Szondi-Test 2008/11 eine anspruchsvolle Erweiterung mit Anna Artakers "48 Köpfen aus dem Merkurov Museum" voll bunt gemischten Helden der Sowjetunion. Mara Mattuschka begann ihre Selbsterkundungen mit performativen Akten für Kurzfilme in den 1980er Jahren unter dem Pseudonym Mimi Minus, setzte dann mit Ölgemälden fort, wobei 2018 Messerschmidt ihre Selbstbildnisse ablöste. In Miriam Kahns Malerei zeigen Köpfe das Verschmelzen von Geschlechtern oder seltsame Mischwesen aus Tier und Mensch; dabei dominiert die Unklarheit unserer alltäglichen Verfasstheit. So bleiben wir zum Glück nach Ablesen dieser zehn Paraphrasen des Barockmeisters zwischen Sprache und Bild mit einem ganzen Fächer an Rätseln zurück.