Die heilige Anna mit dem Johanneskind, Maria und Jesus, um 1499/1500 oder um 1508, Burligton House Cartoon, Kohlestift, weiß gehöht, braun getöntes Papier auf Leinwand aufgezogen, London, National Gallery Inv. 6337 - © H. Zens/Akademie
Die heilige Anna mit dem Johanneskind, Maria und Jesus, um 1499/1500 oder um 1508, Burligton House Cartoon, Kohlestift, weiß gehöht, braun getöntes Papier auf Leinwand aufgezogen, London, National Gallery Inv. 6337 - © H. Zens/Akademie

Leonardo da Vincis Todestag jährt sich am 2. Mai zum 500. Mal. Nur der Louvre in Paris kann eine Retrospektive 2019 andenken und Mailand mit zwei Wandmalereien, "Das Abendmahl" in Santa Maria delle Grazie und die mit Baumranken versehene Sala delle Asse im Castello Sforzesco, eine weitere Jubiläums-Ausstellung planen. In Wien gab es zwar 1997 eine Schau im Schottenstift mit Schülerarbeiten, nachgebauten Maschinen und einigen Zeichnungen, doch diese wurde wegen fehlender Originale sehr kritisiert.

Bis 1967 wäre es durch die Sammlungen der Fürsten Liechtenstein möglich gewesen, eine Schau um das Porträt der Ginevra de‘ Benci zu arrangieren, denn erst in diesem Jahr wurde die kleine, empfindlich oberhalb der Hände beschnittene Tafel an die National Gallery in Washington verkauft.

Abgesehen von der frühen "Verkündigung" der Uffizien in Florenz, die allerdings wie gleichzeitige Madonnentafeln als nicht ganz eigenhändig gilt, ist es das erste sehr eigenwillige Gemälde eines Mannes, der die Malerei wie die Dichtkunst, Musik und Architektur durch ständige wissenschaftliche Experimente in den Status einer freien Kunst erhoben hat. Die erlesene Auswahl erhaltener Gemälde und seine vielen Zeichnungen und Manuskripte, aus welchen sein Schüler Giovanni Francesco Melzi den "Traktat über die Malerei" kompilierte, stellte er Malerei über die, wie er sagte, "gröbere" Bildhauerei. Ganz im Sinne des aus der Antike inspirierten Wettstreits (Paragone) machten die streng besehen zehn eigenhändigen Gemälde Schule und wurden wie die Zeichnungen für seine Werkstatt einbehalten, damit Mitarbeiter die Atelieraufträge in Kopien ausführten. Diese künstlerische Praxis eines vom Meister finanzierten und beherbergten Teams glich einer Familie. Leonardos Vorliebe für die Malerei ließ einen großen Karton zum Gemälde "Anna Selbdritt" (vielleicht für Anne de Bretagne, Frau König Ludwig XII.) überdauern, doch gibt es nur fragliche Modelle zu Büsten, Engeln oder Reitern, selbst das bewunderte große Terrakotta-Modell für das Reiterstandbild der Sforza in Mailand wurde zerstört.

7000 Seiten Skizzen

Was es aber von Leonardos Hand gibt, sind 7000 Seiten Skizzenbücher, heute zerlegt in viele Notizblöcke, Manuskripte und Einzelblätter, teils theoretische Schriften, in denen sein dynamischer Strich gut zu erkennen ist wie fast alle Bemerkungen in Spiegelschrift. Sie deutet einerseits auf eine Geheimhaltung seiner lebenslangen Studien hin, andererseits überliefert sie, dass Leonardo als Linkshänder in beide Richtungen schreiben konnte. Seine Signatur zeigt ab und zu einen Bogen vom L zum D und passt zum selbstbewussten Universalisten, der Sultan Bajezid (Beyazid) II. anbot, eine Brücke über den Bosporus in Konstantinopel zu bauen. Er entwarf für Cesare Borgia und andere Kriegsmaschinen und Befestigungsbauten, eine Kuppelkirche, wollte den Arno umleiten und für den Vatikan die pontinischen Sümpfe trockenlegen. Anregungen erhielt er von Alberti, Brunelleschi und Bramante, er lernte Machiavelli kennen, Anatomen und Astronomen und brachte sich Latein selber bei, um seine anfangs fehlende Bildung lesend nachzuholen.