Das Gemälde gilt zwar bei den meisten Fachleuten als nur bedingt eigenhändig neben etwa sechs Schülervarianten, reicht aber durch die Übereinstimmung der Fingernägel mit den wenigen Originalen immer noch für eine Sensation. Der Preis macht es zum Zankapfel, der im zollfreien Lager verblieb und nicht im Louvre Abu Dhabi landete, wie bei Zöllner angegeben: Sein kurzzeitiger Besitzer, der saudische Kronprinz, hat den "Welterlöser" angeblich wiederverkauft. 1650 im Besitz Karls I. von England, belegt ein Kupferstich, wie wenig von Gesicht und Kleidung erhalten ist. Experten sehen darin 80 Prozent Bernadino Luini, allein die Hände haben Kenner, wie den in Oxford lehrenden Martin Kemp, verleitet, von einem Original zu sprechen.

Zu Lebzeiten musste Leonardo bei seinen Auftraggebern um angemessene Bezahlung kämpfen, und selbst von Ludovico Sforza bekam er statt Geld Naturalien oder Grundbesitz wie einen Weingarten in Mailand. Nach dessen Sturz wurde er durch den französischen Statthalter Charles d‘Amboise beim zweiten Aufenthalt des Künstlers rückerstattet, später an Salai vererbt. Gestritten wurde um die frühe, unvollendete "Anbetung der Könige" genauso wie um die mit den Brüdern de Predis gemalte "Felsengrottenmadonna", deren erste Fassung (Louvre) statt bei der Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis in Mailand wohl bei Kaiser Maximilian I. anlässlich der Hochzeit mit Bianca Maria Sforza, 1493, landete, da die Maler zu wenig Honorar erhielten. Nach 20 Jahren Rechtsstreit ist wohl die zweite Fassung (London, National Gallery) 1508 an die Franziskaner gegangen. Es existieren wie beim "Salvator Mundi" oder der Mona Lisa viele Kopien. Der dunkle "Johannes" inspirierte Caravaggio.

Das in Sachen Proportion, Perspektive, ausgewogene Gesten und Gebärden einmalige "Abendmahl" in Mailand ist von Leonardos Freund, dem Mathematiker Pacioli, beeinflusst. Anatomie und Proportion studierte er schon in Florenz, sichtbar an Zeichnungen wie der Vitruv-Mann in Kreis und Quadrat von 1490 (Venedig, Accademia). Auch das "Abendmahl" ist in Tempera und Öl auf und nicht in den Putz gemalt, und daher war das Wandbild kurz nach Fertigstellung bereits ruinös. 1499 wurde Ludovico il Moro, dessen zwei Mätressen neben allen technischen Aufträgen Leonardo porträtierte ("Die Dame mit dem Hermelin" und die "Belle Ferronière"), aus Mailand vertrieben.

Nach Folgejahren in Venedig, Florenz und Rom, als Kriegsingenieur für Cesare Borgia, Eventmanager des Medici-Papstes Leo X., bei dem er für Feste Kostüme und Automaten entwarf und Rinderdärme zu Riesenballons aufblies, folgte Leonardo dem Ruf seines letzten großen Mäzens, Franz I., König von Frankreich, im Winter 1516/17. In Cloix bekam er neben einem Anwesen endlich ein hohes Gehalt, hatte die "Mona Lisa", die "Anna Selbdritt" und den "Johannes" mitgebracht und plante für den König eine neue Hauptstadt bei Amboise, Romorantin. Im Turm von Cloix hatte er eine Camera obscura und ein Spiegelkabinett, in denen er wohl mit einer Vorform der Fotografie experimentierte. Seine empirische Wissbegier endete nie, daher ist der ihm bis zu Dan Browns Filmen angedichtete Hang zur Magie reine Fantasie. Sein Ideenreichtum entfaltet stets neue Rätsel und Mythen. Der schöne alte Mann mit Rechtslähmung nach einem Schlaganfall leitete Salai und Melzi mittels seiner Skizzen zum Malen an. Als Vegetarier umgab er sich mit Tieren, die er vorbarock bewegt zeichnete, wie die Sintflut und Wasserstrudel-Zeichnungen davor, samt einem Heraklit ähnelnden Kommentar: "Bewegung ist die Ursache allen Lebens."