Die Prinzessin trägt Gasmaske, nicht Prada. In Waltraud Palmes "heiler Welt". - © Waltraud Palme
Die Prinzessin trägt Gasmaske, nicht Prada. In Waltraud Palmes "heiler Welt". - © Waltraud Palme

Die Schwerkraft ist nur eine Illusion

(cai) Frage: Sind diese Bilder abstrakt oder gegenständlich? Antwort: Ja. Weil irgendwie sind sie nämlich beides. (Oder irgendwas zwischen weder und noch.)

"Meine Motive sind Abstraktionen von Dingen, die es (noch) nicht gibt", hat der Christian Hutzinger selber einmal behauptet. (Woher will er eigentlich wissen, dass es diese Dinge irgendwann geben wird?) Gut, die mysteriösen Objekte aus klaren, präzisen Farbflächen wecken ja tatsächlich vage Assoziationen mit etwas, von dem man den Eindruck hat, dass man es fast kennen könnte. Genauso gut könnte es sich aber auch um abstrakte Formen handeln, die sich als Gegenstände ausgeben. Rätseln kann man darüber jetzt in der Galerie Jünger, die grad eine kleine Auswahl aus einem sehr stabilen malerischen Oeuvre zeigt.

Womöglich hat man es ja sogar mit Illusionsmalerei zu tun. Und das, obwohl diese Welt absolut flach ist. Keine Schatten, keine Perspektive. Es gibt allerdings eine Schwerkraft. Und die ist nicht echt (wie die, die dafür sorgt, dass ein Bild, das von der Wand fällt, auch wirklich unten ankommt), sondern nur gemalt. Zieht an den Motiven, die allesamt "geerdet" sind (am unteren Bildrand), lässt da und dort was abbrechen oder -stürzen.

Spieltrieb hat der Hutzinger sichtlich ebenfalls einen. Bringt gern die Ordnung ein bissl durcheinander. Macht subtile, geradezu perfektionistische "Fehler". Seine Art von Humor? Für Zwangsneurotiker müssen die Bilder jedenfalls Folter sein. (Könnte bitte einmal jemand diese Farbenstapel aufräumen?) Den Blick des Betrachters auf Nuancen und Variationen schärft der Künstler obendrein, indem er Bilder "paart". Nein, nix Unanständiges. Nebeneinander hängt er sie halt. Zwei. Oder mehr. Wobei: Die sinnlichen Farben lösen durchaus Lustgefühle aus.

Handgranaten sind die neuen Ostereier

(cai) Nein, der Verfassungsschutz beobachtet sie noch nicht. Vermutlich. (Noch nicht.) Als mögliche Gefährderin. Obwohl sie ein paar Handgranaten in die heile Welt hineingeworfen hat. Aber die sind eh nicht explodiert. Waren bloß aus Papier und Farbe. Nicht, dass die Anschläge, die die Waltraud Palme verübt, harmlos wären. Die sind sogar besonders perfide. Weil sie einem nicht gleich auffallen.

Auf dem Flohmarkt hat sie also eine Zeitmaschine erstanden. (Quasi.) Ein Papiersackerl. Das hat sich die 1959 geborene Wienerin natürlich nicht über den Kopf gestülpt, an ein Datum gedacht und war plötzlich dort, vielmehr hat sie die bunten Kartonfiguren rausgenommen und ist mit denen in ihre Volksschulzeit zurückgereist. Damals wurden die nämlich im Unterricht auf eine Tuchtafel montiert. Palme: "Eine kleine Enzyklopädie für die kleinen Menschen dieser Zeit." Im MAG3 sind sie nun ausgeschwärmt. An den Wänden. Wild durcheinander. Märchengestalten, Städter, Landbewohner, Tiere, Werkzeuge, Hausrat. Und immer wieder der Versuch einer Ordnung. Fünf Burschen haben beim Annageln assistiert. Allein wäre diese Fülle kaum zu bewältigen gewesen. Außerdem: "Ich bin nicht schwindelfrei."

Eigentlich ein riesiges Suchbild. Wo ist überhaupt die Pfeife aus dem Titel ("Der Räuber, Vaters Pfeife und meine heile Welt")? Verrat ich nicht. Und die Räuber? Sind nicht vom Schiller, sondern aus den "Bremer Stadtmusikanten". ("Irgendwie leben wir ja auch in einer Gesellschaft mit vielen Räubern.") Nach und nach findet man Dinge, die die Idylle stören. Waffen, Burkas, Schwimmwesten, Drohnen. Alles gut integriert. Eine Heile-Welt-Mimikry. Denn Palme imitiert den Stil der nostalgischen Figuren von Hedwig Zum Tobel. Baut hinterfotzig aktuelle Ängste ein. Terror, Überwachung, Flüchtlinge. Setzt aber lauter blonde Kinder ins Schlauchboot. Oder macht aus einem Esel, nein, keine Salami: eselsgraue Wehrmachtshelme! Fad wird einem jedenfalls nicht beim Schauen. Und man kann schon einmal für Ostern üben. Mit Granaten statt Eiern.