Das Paradies blutet: "Sailing away" (Grear Patterson). - © Galerie Lisa Kandlhofer/Armin Plankensteiner
Das Paradies blutet: "Sailing away" (Grear Patterson). - © Galerie Lisa Kandlhofer/Armin Plankensteiner

Es regnet Licht

(cai) Malen ist etwas ganz Natürliches. Für den Herbert Brandl sowieso. Der malt ja irgendwie eh immer "die Natur". Einen Berg zum Beispiel. Beziehungsweise ist seine Malerei selber naturgewaltig. Wettert regelrecht. Ist stürmisch und peitscht über die Leinwand oder - es regnet.

"Der Regen" heißt Brandls aktuelle Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan mit unglaublich atmosphärischen, luftigen, fast schon zarten Bildern, wo sich die vom Pinsel springenden, geschleuderten Tropfen zu einem feinen Sprühnebel verdichten, zu einer leuchtenden Gischt. Sogar das Licht scheint hier zu spritzen. Da kann man eigentlich nur begeistert sein. Von diesem fulminanten Schauspiel aus Licht und Bewegung. Was nicht bedeutet, die übrigen Arbeiten, die quasi schwerer, erdverbundener sind, wären lahm. In denen ist ebenfalls jede Menge kinetische Energie gespeichert. Ständig erahnt man Vertrautes in der mitreißenden (oder beschaulicheren) Dynamik, in den saftigen Farben. Wenn etwa im Grün ein Rot aufblüht. Denn was ist eine Blume anderes als ein Farbklecks auf einem Stängel?

Und alleweil fragt man sich: Ist das noch Landschaft oder bereits pure Malerei, reines Pinseln, Spachteln und Auf-die-Tube-Drücken? Die Pinie hat sich ja definitiv in ein elementares Farbgefilde aufgelöst. Dafür wird der Künstler bei einer Rose so deutlich, dass man dann zwar die Pflanze erkennt, aber ihn nimmer. Nicht, dass Realismus per se was Schlechtes wäre. Seelenvoll hat Brandl eine Löwin skizziert. Mit verblassendem Pinselstrich.

Witzigerweise wächst sogar sein Kristall aus der Malerei heraus. Aus einem ge-, nein: bemalten Sockel. ("Der Amerikaner" - ach, weil die sehr senkrechte Alu-Skulptur so angeberisch, geradezu phallisch, nach oben strebt wie die Hochhäuser in Manhattan?)

Die Palmen am Ende der Sehnsucht

(cai) Die Antwort lautet: Man könnte ein Flugzeug besteigen. Oder, wenn man ein bissl sportlicher ist, einen Berg. Und was war die Frage? Na ja: Was tut man, wenn man ganz hoch hinaus will?

Höhenangst dürfte Grear Patterson jedenfalls keine haben. Er kann fliegen (selber, also als Pilot, wie der von ihm im Cockpit gedrehte Film beweist) und er hat die Berge da gemalt, die in seiner Ausstellung "Planes and Mountains" zu sehen sind (Galerie Lisa Kandlhofer). Die Bilder, auf denen sie drauf sind, sind ebenfalls ziemlich hoch. 3,65 Meter. Okay, dafür ist vermutlich jedes Mal der Diamond Head dargestellt (eine Tuffsteinformation auf O’ahu) und der kommt grad einmal auf 232 Meter. Aber in der Landschaft mit Palmen ragt er durchaus imposant empor, ist er so prominent wie der Fuji in Katsushika Hokusais legendärer Farbholzschnittserie "36 Ansichten des Berges Fuji". Wie nennt man diese Kunstrichtung eigentlich? Hawaiihemd-Kitsch? Aloha-Shirt-Pop-Art? Die bunten Hemden haben den Amerikaner ja tatsächlich inspiriert. Allerdings ist das Paradies kein Ort mehr für eine unbeschwerte Weltflucht, es wird vom Künstler subtil bedroht. Mit einem blutigen Titel ("Blood & Oxygen") oder einem blutroten Meer. (Der Vulkan erinnert jetzt aber echt, auch durch den grafischen Malstil, an Hokusais Fuji. Und Hawaii + Japaner = Pearl Harbor, oder?)

Wie von einem anderen Künstler: die eher schlampige "Farbfeldmalerei", die entfernte Ähnlichkeit mit der von Mark Rothko hat. Rothko, aufgepeppt mit einem Sonnenuntergang. Oder -aufgang? Und Patterson hat Humor."You look like Clark Kent" (also wie die Tarnidentität von Superman): Ein total nichtfiguratives Opus, das nicht einmal eine Brille trägt. Doch die Farben von Supermans Outfit.

Überall Ambivalenzen. Die drei hellblauen Modellflugzeuge (wie eine Bewegungsstudie über den Sinkflug): Erzählen die vom Traum vom Fliegen, vom Einswerden mit dem Himmel, oder sind das als Schönwetter getarnte Kampfjets? Der Himmel im Landeanflug auf die Erde: irgendwie romantisch. Und unheimlich. Wie alles hier.