Städtische Aussichten: Das Foto "Nous sommes halles" von Mohamed Bourouissa (2002), zu sehen in der Schau "Urbane Zonen" in der Wagner-Postsparkasse. - © Mohamed Bourouissa/kamel mennour/Blum & Poe
Städtische Aussichten: Das Foto "Nous sommes halles" von Mohamed Bourouissa (2002), zu sehen in der Schau "Urbane Zonen" in der Wagner-Postsparkasse. - © Mohamed Bourouissa/kamel mennour/Blum & Poe

An das ehedem überschaubare Format "Monat der Fotografie" - mit Berthold Ecker als Direktor des Musa, jahrelang Zentrum einer europäischen Städtekooperation - erinnert im neu aufgestellten Festival "Foto Wien. Monat der Fotografie" leider keine der Kuratorinnen mehr. Rund um die neue Zentrale - die Otto Wagner Postsparkasse - ist das Format fast explodiert auf etwa 130 Projekte und 700 Künstlerpositionen. Beteiligt sind Museen, Galerien, Kunstuniversitäten, aber auch Off-Spaces und Ateliers, daneben die Secession, das Filmmuseum (mit den vier politischen Filmen Henri Cartier-Bressons), die Friedrich Kiesler Stiftung sowie die Sammlung Verbund und das Photoinstitut Bonartes; es gibt ein Symposium, Diskussionen, ein Fotolabor, einen Fotobuchmarkt, einige Preisjurys und drei Stadtrundgänge.

Hoffen auf ein
alljährliches Format

Festivalleiterin Bettina Leidl, Direktorin des Kunst Haus Wien, das am Freitag seine große Ausstellung "Über Leben am Land" integriert, hofft, dass es bald zum alljährlichen Format wird. Dabei ist allerdings fraglich, ob der Eigner der Wagner-Postsparkasse, die Signa Gruppe, den Standort 2020 noch einmal zur Verfügung stellt; und auch die Finanzierung ist kein unwesentlicher Aspekt.

Als Zwischennutzer des Architekturjuwels bietet das Festival nun jedenfalls im Erdgeschoß und darunter einen Reigen an Ausstellungen an. Es gab kein vorgegebenes Thema für verschiedene Einreichungen, Leidl sieht aber einen allgemeinen Trend hin zum Thema urbane Räume, auch zur Architekturfotografie in der Verbindung mit Film. Das sind keine Neuigkeiten, doch daneben zeigen sich durchaus erfreuliche Eigensinnigkeiten in der Klasse Gabriele Rothemanns, die mit der Kunstakademie von Athen eine Kooperation unter dem Titel "A Fork in the Road" zeigt und Objekte mit Foto und Video in den Kellerräumen kombiniert, neben der von Verena Kaspar-Eisert kuratierten "Bodyfiction"-Schau. Vor dem Hauptgeschoß empfängt das Signetfoto des Festivals, Eva Szombats leuchtendes Mädchengesicht in blauroter Farbtönung. Blumenstrauß, Pelz und Blitzlichter weisen auf einen Triumph dieser Strahlefrau hin, ihr Zahnspangenlächeln nimmt dem Auftritt aber den Glamour.

Rund um den berühmten, baufällig wirkenden Kassenraum findet die Präsentation der "Urbanen Zonen" statt, kuratiert von Walter Seidl mit bekannten Namen einer österreichisch-französischen Gruppe um Mohamed Bourouissa, Aglaia Konrad, Claudia Larcher, Lise Sarfati, Sabine Bitter/Helmut Weber und Valerie Jouve; eine Ausweitung gibt es im Hof des Museumsquartiers. Das partizipative Projekt mit den Wiener Amateuren dreht sich um 100 Jahre Gemeindebau; bezirksweise wurden aus tausenden Einreichungen 23 ausgewählt.

Etwas enttäuschend: der Raum mit politischer Fotorecherche und einer Dokumentation Mathieu Asselins über die umstrittene, von Bayer übernommene Biotech-Firma Monsanto. Mutiger erscheinen die einzelnen Office-Shows junger Künstlerinnen wie Sabine Jelinek zum Thema Falte oder die feministische Arbeit von Lena Rosa Händle über Biografien an den Rändern der Gesellschaft. Hinter den zentralen Schaltern weist uns Stefan Oláhs Foto "Poststelle" auf die berühmten Möbel und Metallteile hin, die unter der Glasdecke des Hauptraums zwischengelagert werden.

Ein dekonstruierter Stephansplatz

Im Tiefparterre werden gebrochene Versprechen in Sachen Stadtbild und historischer Substanz thematisiert, aber auch ländliche Stationen und Körperfragen. Das Volkskundemuseum liefert zwei Beiträge zu historischer Sammlerfotografie in alten Alben und die Graphische eine Diaschau, davor prangt der touristische Hotspot Stephansplatz in der Videoinstallation "Teleplasmatic Views of Vienna" von Martin Reinhardt und Virgil Widrich als genüssliche Dekonstruktion der Zone zwischen Haashaus und Dom.