Peter Friedls Rehousing vereint unvereinbare Orte und Personen. - © Jorit Aust/Friedl/Guido Costa Projects, Turin
Peter Friedls Rehousing vereint unvereinbare Orte und Personen. - © Jorit Aust/Friedl/Guido Costa Projects, Turin

Peter Friedl ist der wohl meistgezeigte österreichische Künstler in prestigeträchtigen Großausstellungen wie Documenta (drei Mal), Biennalen oder der Manifesta. Einzelausstellungen bekam er in den renommiertesten Museen wie Centre Pompidou Paris, in Rotterdam, Madrid, Minneapolis, sogar in der Kunsthalle Basel. In Österreich gab es nur eine einzige Personale vor dieser im Grazer Kunstverein 2014.

Obwohl Friedls Themen, sein Umgang mit vielen Medien und keine Festlegung auf ein Stilprinzip, auch die eingebaute politische Brisanz, ganz stark den Analysen der Gegenwart entsprechen, gab es wohl, durch ihre offene Lesart, in Wien eine Scheu, sie breiter zu präsentieren. Dafür entschloss sich die Kunsthalle, von der kleinen Halle und einem Termin im Vorjahr auf die große Halle zu wechseln und einen Überblick zu versuchen.

Überraschende Querbezüge

Denn zu sehen sind auch frühe Arbeiten wie das Video "Dummy" von 1997. Slapstickartig wird das Drama des alltäglichen Scheiterns vorgeführt durch Friedls Alter Ego, das an einem Automaten Zigaretten ziehen will, was nicht gelingt. Nach einem Fußtritt gegen den das Geld einbehaltenden Automaten schnorrt ihn ein Junkie an, den er wegstößt, worauf dieser ihm einen Fußtritt verpasst und beide in zwei Richtungen weglaufen. Fragen an soziale Kunstfelder, an Repräsentation und auch Konflikte, die viele spontan mit der "Kottan"-TV-Serie verbinden konnten, lösen sich hier nicht auf. Ratlos liegen im ganzen Ausstellungsraum verteilt Requisiten aus einem Kindertheater herum, meist Tiere, die nach den Favoriten der Beschäftigten eines Museums 1997/98 hergestellt wurden.

Schon am Eingang empfängt ein anderes Kasperl-Theater mit vier Behelfsbaracken, gebaut nach dem transportablen portugiesischen Puppenspiel "Teatro Popular" für die Straße. Zu den geschnitzten Protagonisten dieser Volkskunst-Urszenen mit bestimmten Figuren, addiert Friedl eigens ausgewählte historische Persönlichkeiten wie Ingrid Bergman oder den als Jude verfolgten Astronomen Abraham Zacuto, Königinnen und Milliardäre. Allesamt ergeben sie, in Textilien aus Brasilien gekleidet, auch eine kolonialistische Ebene unter dem eigentlichen Kontext des Kaspertheaters, in dem Monster und Teufel auftreten. Diese Aspekte neu geschlossener Bezüge betreffen auch die vier Puppen, die in "The Dramatist" die Frau des Philosophen Antonio Gramsci mit Henry Ford, dem Anführer der Revolution in Haiti und dem "schwarzen Hamlet" John Chavafambira vereinen.

Zeitliche Muster auszuhebeln ist eine weitere Ebene. Friedl vermittelt sie in dem Video "King Kong" von 2001 und in der Documenta-14-Video-Arbeit "Report", die sich mit Franz Kafkas Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie" befasst und acht Sprachen und Akteure unterschiedlicher Herkunft zusammenwürfelt, um unsere Fähigkeit das Verstehen auf Gesten und Gesichtsausdruck zu legen, auf die Probe zu stellen.

Die Modelle von "Rehousing", 2012 bis 2019 entstanden, vereinen fiktive Orte, Personen, die nie miteinander in Bezug gebracht würden, wie Nelson Mandela und Martin Heidegger, durch Wohnhaus und Blockhütte, aber auch nie verwirklichte Utopien, zerstörte Baracken und Flüchtlingscontainer, nur für Bombentests erstellte Architekturen und die von Buckminster Fullers Kuppelbau inspirierte Behausung einer Hippiekommune. Neu ist neben Mandelas Wohnhaus ein Fertigteilhaus für Amona, von Israel 2017 geräumter Außenposten im palästinensischen Westjordanland: Ästhetik des Widerstands und des Scheiterns, anders als im frühen Film "Dummy". Und doch involviert selbst die wilde Bildersammlung "Theory of Justice" eigene Blicke auf die Geschichte. Die "radikale Neutralität" als Friedls Strategie kann den Besucher in beklemmende Bezüge zu bröselnden politischen Strukturen führen, doch in der Vielstimmigkeit liegt auch ein neuer Möglichkeitssinn.