Die Kunst begegnet der Eiszeit: Christian Kosmas Mayer befragt die Silene auf eine Fortschrittsgeschichte. - © Klaus Pichler
Die Kunst begegnet der Eiszeit: Christian Kosmas Mayer befragt die Silene auf eine Fortschrittsgeschichte. - © Klaus Pichler

Christian Kosmas Mayer folgt Ideen aus dem Buch von Gotthilf Heinrich Schubert "Von der Nachtseite der Naturwissenschaft". 1808 gab es in der aufkommenden Romantik nicht nur die Träume von der "blauen Blume", sondern eine eigene Industrie für Versteinerung von Gegenständen, die man ewig erhalten sehen wollte: Man hängte sie in stark mineralhaltiges Wasser mancher Quellen und sechs Monate später hatte man die perfekte Konservierung. Die längst vergessene Praxis übertrug Mayer auf das Mumok, einen Bau aus Basaltsteinen, den schon das Architektenteam Ortner & Ortner als "Bergwerk der Künste" bezeichnete, und baute darin einen stufenförmigen Versteinerungsbrunnen im zweiten Untergeschoß ein. Zehn Meter unter dem Erdniveau ergibt sich für den eintretenden Besucher das Bild eines künstlichen Gartens mit Grotte, wie es sie schon in antiken Villen und dem Manierismus gab.

Die Rolle der Eichhörnchen

Denn neben dem vor sich hin plätschernden und langsam vermoosenden Brunnen, in dem vier Teddybären hängen, die am Ende der Ausstellung versteinert sein werden, hat Mayer ein Labor für eine wiedererweckte Pflanze eingerichtet, die aus einem konserviertem Samen gezogen werden konnte, der seit 32.000 Jahren im sibirischen Permafrostboden lag. Diese wurde vom Vater des ersten Archivs biologischer Diversität, Carl von Linné, Silene benannt. Sie gilt in ihren verschiedenen Arten heute als ausgestorben, bis 2005 der russische Forscher Stanislav Gubin sie im Permafrost wiederentdeckte, weil die Samen von einem arktischen Eichhörnchen als Vorrat vergraben wurde. Die Pflanzenkeime wurden von Svetlana Yashina, einer Zellbiologin der russischen Akademie der Wissenschaften reanimiert. Während der Schau wurden die Widerauferstandenen der Eiszeit, die keine genetische Veränderung durch die Jahrtausende durchlaufen haben, von der hiesigen Biologieuniversität in säulenartigen Glaskästen betreut.

Wiedererwachte Eiszeit und Romantik lassen uns an eingelernten Zeitflüssen zweifeln: Kultur, Natur und Wissenschaft treffen sich im Kunstmuseum als Vorboten künftiger Erweckungsversuche, neue Frankensteins also, und sie erzählen eine Fortschrittsgeschichte, die in Zeichen des Klimawandels hoffen lässt, aber auch Gefahren und neue Brüche ankündigt. Völlige Ungewissheiten, was Leben und Tod betrifft, sind hier angesprochen.

Im begleitenden Kunstbuch erzählt Mayer die unheimliche Geschichte aus Schuberts "Nachtseite der Naturwissenschaft": Auch Menschen wurden zu zwar nicht ewiger, aber lange anhaltender Schönheit versteinert - so zufällig 1670 der bei einem Minenunglück im Kupferbergwerk Falun in Schweden verschüttete Bergmann "Fet-Mets", eigentlich Stor Matts Israelsson. 1719 war er durch Vitriolwasser vollständig konserviert aufgefunden worden, an der Luft härtete sein Körper zu Stein, seine damals schon greise Verlobte erkannte ihn wieder, was viele Dichter zu Mischungen aus Liebesgeschichte und Horrorszenario inspirierte, etwa E.T.A. Hoffmann, Achim von Anim, Johann Peter Hebel und Hugo von Hofmannsthal.

Magische Orte

Fet-Mets wurde auch nach seinem späten Begräbnis als Puppe zur frühen Tourismusattraktion, ein Stück über seine Geschichte wurde vor Ort aufgeführt, und die stillgelegte Mine von Falun ist seit 1992 Unesco-Weltkulturerbe. Früher galten Quellen und Orte, die solche Konservierung möglich machten, als magisch und verhext. Dennoch waren es erste Anziehungspunkte für einen Sensations-Tourismus in viktorianischer Zeit. In das tropfende Wasser der Grotte von Knaresborough etwa hängte Mayer für seinen ersten Versteinerungsversuch 2013 ein Plüschpferd und dokumentierte dessen Petrifizierung mit einem Videofilm - dieser war vor wenigen Jahren im Prunkstall de Belvedere zu sehen.

Mayer, der 1976 in Sigmaringen geboren wurde, lebt nach seinen Studien in Saarbrücken, Glasgow und der hiesigen Akademie in Wien, und arbeitet - wie hier im Mumok - in verschiedenen Medien, von Fotografie über Installationen bis zu Video. Zudem ist seit den 1990er Jahren auch als Musiker tätig. Mit dem Ausstellungstitel "Aeviternity" verbindet er den gewollten Widerspruch von Arbeiten der Gegenwartskunst, die gleichzeitig in den weiten Fernen der Ewigkeit plätschernd grundeln.