Man kennt sie, wenn man von der Autobahn abfährt: diese Dörfer mit den verlassenen Häusern, den abblätternden "Nah und Frisch"-Filialen, den vereinzelten Blumenkästen. Peter Braunholz hat solche leere Straßenzüge in seiner Fotoreihe "Topophilia" porträtiert. Sie stehen am Anfang der neuen Ausstellung im Kunsthaus Wien und machen gleich einmal die trügerische Ironie ihres Titels "Über Leben am Land" deutlich.

Die zwei Pole an Assoziationen, die man gemeinhin mit dem Leben auf dem Land hat, will die Schau vereinen. Auf der einen Seite ist die Sehnsucht nach der Idylle, auf der anderen Seite die Langeweile in der Provinz. Dass die Ödnis auch Poesie verströmen kann, zeigen die Fotografien von Bernhard Fuchs, der im Oberen Mühlviertel Bauernhöfe fotografiert. Die Abwesenheit der arbeitenden Menschen - die wahrscheinlich gerade ihrem Hauptjob nachgehen, denn hauptberufliche Bauern sind heute rar - gibt dem Misthaufen eine anrührende Verlassenheit.

Autoreifensammlung

Iris Andraschek arbeitet in ähnlichen Szenerien, verzichtet aber nicht auf die Menschen. Da stehen dann drei Männer neben einem Stier, der gerade im Futterkübel beschäftigt ist, ein Mann tätschelt das Tier stolz. Andraschek ist auch mit einer Installation vertreten, die eine Eigenheit des Landlebens, das ja im Unterschied zum Stadtleben mit einer Fülle an Platz aufwarten kann, aufzeigt. In Garagen, Schuppen, Höfen sammeln sich Dinge an, die man vielleicht noch einmal brauchen kann. Von Autoreifen über Bleche bis zu rostigen Ketten. Dieses Lagerungsphänomen greift auch Petros Efstathiadis auf: Er bastelt "Bomben" aus diesem Kram, also aus Schraubenziehern, Bürsten, Ölflaschen. Auf einem anderen Foto holt er die Nutztiere der Neuzeit ins Stroh und reiht Fernseher auf Transportkisten aneinander.

Dass die Vorstellungen vom Leben auf dem Land oft auch einen Gutteil Nostalgie mitschwingen lassen, daran arbeiten sich auch einige Positionen der Schau ab. Lois Hechenblaiker stellt einer Reportage von der Fanwanderung mit Hansi Hinterseer motivisch verblüffend ähnliche, historische Fotos nicht ganz unpolemisch gegenüber. Auf der einen Seite der Schlagerstar umringt von seinen Verehrern, auf der anderen Seite ein Hirte umringt von seinen Schafen. Als Archivar der österreichischen Provinz versteht sich Paul Albert Leitner, der eine beachtliche Sammlung an zufallsgesteuerten Momentaufnahmen hat - von der Schneekanone auf der grünen Wiese bis zum Almabtrieb mit einer Kuh und vielen Touristen. Auch hier darf der Misthaufen wieder brillieren.

Stars landen in der Einschicht

Heinz Cibulkas "Hochgebirgsquartette", Tableaus aus vier Fotos, die lyrische Episoden erzählen (mit Wandernadeln, Gatschflecken, Kitschmadonnen und Wildspuren im Schnee), passen da als gegensätzliche Willkürlichkeit gut hinein. Paul Kranzler wiederum porträtiert die "Landjugend": Gelangweilte junge Mädels, die mit dem Feuerzeugfeuer Schlieren in die lange Belichtung ziehen. Oder ein Bursche im Arbeitsoverall, darunter versteckt sich ein Shirt mit dem Aufdruck "Kylie, Britney, Christina, Pamela, Pink" - auch diese Stars landen irgendwann in der Einschicht.

Dass das wiederum nicht immer ganz freiwillig passiert, zeigen andere Arbeiten: Miia Autio hat die "Verpflanzung" von Flüchtlingen aus Ruanda eindrucksvoll illustriert: Sie hat diese in der (deutschen) Landschaft, in der sie jetzt leben, fotografiert und auch die Gegend, aus der sie stammen - so überlagern sich dann Meer und satte Wiese. Laura Henno hat Slab City in der kalifornischen Wüste porträtiert: Ein junges Paar sitzt vor seinem Zuhause, einem eingedepschten Bus mit notdürftig verhangenen Fenstern. Es sind Menschen, die in diese ehemalige Militärbasis ohne Wasser, ohne Strom gezogen sind, weil sie sonst nirgendwo einen Platz finden. Trotz Bohemien- "Einrichtung" mit Fauteuils im Freien ist das Landleben dort von Idylle selten weiter entfernt.