Abgehoben: In Hans Op de Beecks "The Conversation" bleiben nur die Aktentaschen auf dem Boden.
Abgehoben: In Hans Op de Beecks "The Conversation" bleiben nur die Aktentaschen auf dem Boden.

Wer’s kauft, wird selig

(cai) Mit Geld kann man sich halt alles kaufen. Sogar seinen privaten heiligen Berg. Nicht, dass mich die Beweisfotos, die jetzt aufgetaucht sind, schockiert hätten. Oder ich aus Protest kein Cola mehr trinken oder nix mehr googeln würde.

Coca-Cola, McDonald’s, Google und Co. haben also die Gipfelkreuze ins Tal geworfen und stattdessen ihre eigenen Logos aufgestellt. Was? Ein Fake? Nicht einmal die imposanten Berge sind echt? Der Helmut Grill hat das alles digital zusammenfantasiert? (Genial.) Gut, ein Indiz hätte dieser Flieger mit dem Spruchband "I declare you holy" sein können. Oder das "Do not touch!" auf der Felswand. Nennt man diesen Stil eigentlich Fotosurrealismus? In Wahrheit ist er allerdings hyperrealistisch (mit seinem penetranten Product-Placement). Die großen Konzerne haben ja tatsächlich längst die Weltherrschaft an sich gerissen.

Dem Kapitalismus, dieser Weltreligion (Kardinaltugenden: Habgier, Neid, Völlerei, Wollust), baut Grill auch Kirchen. (Die Wirtschaft ist ja sowieso ein irrationales Glaubenssystem.) Als Altarbild: Warhols Dollarzeichen. Und vom Gewölbe baumeln die Goldklumpen. Ach, weil das zentrale Mysterium die Transsubstantiation von Papier in Gold ist? (Oder umgekehrt.) Zumindest war das so, als dieser "Goldstandard" noch aktuell war.

Und die Klagemauer voller Graffiti ("Make tea not love")? Beschützt in der dritten Serie das Paradies vor illegalen Einwanderern. Wobei oft nicht ganz klar ist: Befindet sich das Paradies vor der Mauer (Garten mit Glückspillenbaum) oder dahinter (Vergnügungspark)? Aber das Glück, das in Nachbars Garten auf den Bäumen wächst, macht eh immer "happier" als das eigene.

Selten macht Schauen so viel Spaß wie derzeit in der Galerie Suppan. Dauernd entdeckt man einen neuen bösen Einfall. Jö, der Osama bin Laden tanzt wie John Travolta!

Schweigen auf hohem Niveau

(cai) Das leiseste Geräusch? Die Stille natürlich. Und die kann man in der Galerie Krinzinger förmlich sehen. Farben schreien da jedenfalls keine herum. Sämtliche Objekte (Kunststoff, beschichtet) sind grau. Und diese Farbe ist ja eher von der schweigsamen Sorte.

Nicht, dass die ruhigen, be-ruhigenden und mitunter be-un-ruhigenden Skulpturen von Hans Op de Beeck (als wäre die Zeit einbetoniert worden - im Betongrau) keine Geschichten erzählen täten. Die sind sogar sehr mitteilsam. Man braucht sie bloß mit detektivischer Neugier anzuschauen. Der Bildhauer, Maler, Filmemacher, Regisseur ist übrigens obendrein Belgier, also ein Landsmann von Hercule Poirot. Und ein genauso guter Beobachter. Der Betrachter muss das nun halt auch sein.

Ein bissl abwesend wirken die oft lebensgroßen Figuren fast immer. Introvertiert, weltentrückt. Sie haben die Rollos unten (die Augenlider), sind in ihrer eigenen, inneren Welt. Ein Showgirl macht eine Rauchpause, ein offenbar krankes Mäderl mit Büchern und Tabletten träumt sich in eine Kitschidylle, treibt schlafend mit einem Floß auf einem Seerosenteich. Eine friedliche Szene mit morbidem Beigeschmack. (Und Tschick sind ja ebenfalls tödlich.) Die, die zu zweit sind, haben dagegen die Augen offen, teilen sich eine Stimmung. Teenager halten auf einem Felsen Händchen, ein altes Ehepaar steht in der Nacht in Patschen und Bademantel vorm Haus und beobachtet besorgt etwas, das der Fantasie überlassen bleibt. (Und in der Nacht sind sowieso alle Farben grau.) Und die bärtigen Gelehrten? Unterhalten sich sicher über Dinge, die für uns zu hoch sind. Sonst wären die doch nicht auf Leitern gestiegen, oder? Na ja, sie schweigen sich eigentlich grad an. Aber auf hohem Niveau.

Op de Beeck macht Momente aus dem "grauen" Alltag zu etwas Besonderem. Alles ist intensiv real und zugleich irreal. Einmalig. (Okay, ein paar der Skulpturen spielen auch in seiner Schau in der Kunsthalle Krems mit. Nur größer.) Grau kann verdammt bunt sein.