Arik Brauers Darstellung seines Vaters. Die außerordentliche Beziehung ist in der Ausstellung auch mit Briefen dokumentiert. - © Arik Brauer/Sebastian Gansrigler
Arik Brauers Darstellung seines Vaters. Die außerordentliche Beziehung ist in der Ausstellung auch mit Briefen dokumentiert. - © Arik Brauer/Sebastian Gansrigler

Ein Mann, fantastisch gewandet, steht inmitten einer Winterlandschaft. Sein Gesicht strahlt stilles Dulden aus. Auf seinem Kopf hat sich eine Taube niedergelassen. Die gelbe Blume an seinem Gewand hat die Form eines Judensterns. Der Rauch, der aus den Öfen aufsteigt, bekommt mit einem Mal eine neue Bedeutung. Der Betrachter braucht nicht zu wissen, dass Arik Brauer auf diesem Bild seinen Vater dargestellt hat, der im Konzentrationslager von den Nationalsozialisten ermordet worden ist - ganz von selbst und ohne Kommentar suggeriert das Bild eine Geschichte.

Das Jüdische Museum Wien zeigt zum 90. Geburtstag von Arik Brauer eine umfassende Werkschau. Es ist eine Ausstellung, in der man sich verliert, die man mehrmals besuchen will - und mehrmals besuchen muss, um allen Facetten dieses Künstlers nachzuspüren. Arik Brauer, das ist nicht nur der Maler, das ist auch der Sänger eines neuen Typs von Wienerliedern, poetisch und kritisch auf den Spuren H. C. Artmanns wandelnd; das ist auch der Bühnenbildner, etwa einer Aufführung von Alberto Ginasteras Sex-and-Crime-Fantasmagorie "Bomarzo", das ist auch der Baumeister.

Ein Grüner vor den Grünen

Arik Brauer, der ein Grüner war, ehe es die Grünen gab, wird in dieser Ausstellung thematisiert; Verbindungslinien führen nach Paris und nach Israel. Querständig war Brauer immer, nicht zuletzt, als er sich gegen die aufkommende Mode der abstrakten Malerei entschied und lieber in altmeisterlicher Technik arbeitete, die er in der Klasse von Albert Paris Gütersloh Figuren in neue Zusammenhänge brachte. Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel sind seine Ansatzpunkte, dazu kommt der Surrealismus. Brauer gilt denn auch als ein Protagonist der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Immer erzählen seine Bilder Geschichten.

Überwältigend im zentralen Raum der Schau die großformatigen Bilder zu Themen des Alten Testaments. Nicht um den Glauben geht es: Brauer begreift den Tanach als Menschheitsdokument und Jahrtausendkunstwerk. Kain erschlägt Abel in aggressiven Farben und Israel tanzt in buntem Reigen die Sorgen weg. Der Turm zu Babel - ein schönes Projekt, aber zum Scheitern verurteilt.

In einem anderen Raum finden sich Zeichnungen zu jüdischen Witzen. Vielleicht offenbaren sie Brauers eigentliches Wesen: das eines weisen und gelassenen Lehrmeisters der Menschlichkeit.