Grete Wiesenthal in "Andante con moto" (1906/08). - © Nähr/KHM
Grete Wiesenthal in "Andante con moto" (1906/08). - © Nähr/KHM

Man war des rigiden Kostüms mit figurunterstützenden Fischbeinen in den Seitennähten, der zum Knoten festgezurrten Haare und der Spitzenschuhe überdrüssig. Man wollte aus der Gruppe treten, um die Individualität zu feiern. Auch die Gefühle sollten in Bewegungen ihren freien Ausdruck erfahren - häufig barfuß, mit offenen Haaren und in Kleidern, die hin und wieder an antike Vorbilder erinnern. Es ist ein Ausbruch aus dem strikten klassischen Ballett in einen Tanz der Befindlichkeit. Es ist der Beginn der Wiener Tanzmoderne um 1900.

Eine der wichtigsten Pionierinnen war die Tänzerin, Choreografin und Pädagogin Rosalia Chladek (1905-1995). Ihr umfangreicher Text-Nachlass - weit mehr als 100 Schachteln - liegt seit 2015 in der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Die Tanzhistorikerin Andrea Amort und ihr Team haben das Konvolut aufgearbeitet und es wurde zum Ausgangspunkt der Ausstellung "Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne" im Theatermuseum gemacht. Dennoch ist diese präzis strukturierte und ausführliche Schau keine Personale allein, sondern vielmehr eine längst überfällige Aufarbeitung einer von Frauen dominierten Ära, die mit 1938 und der Vertreibung und Ermordung von mehr als 200 Künstlerinnen hierzulande abrupt beendet wurde. Im Exil lebte sie mit einigen Schlüsselfiguren der Wiener Tanzmoderne weiter.

Rosalia Chladeks System

In drei Räume gegliedert, widmet sich der erste Rosalia Chladek: Fotos und Videos erklären ihr Bewegungssystem, zeigen Tänze und Kostüme. Der folgende, der sogenannte Doku-Raum, quillt vor historischen Dokumenten über, die Menge an Fotos, Texten, Videos mit Tanzausschnitten bilden die Historie dieser prägenden Epoche detailliert ab. Amort wagt auch einige thematische Exkursionen wie jene der Örtlichkeit: Nämlich die Gründung des Wiener Tanzquartiers im Jahr 2001, das dem zeitgenössischen Tanz - wenn auch eingeschränkt - verspätet eine Performance-Heimat bietet.

So erfährt man auch von Loïe Fuller, die - dem Credo des künstlerischen Tanzes der Moderne treu - Tanz für alle Menschen, egal welcher Statur und ohne tänzerischer Vorbildung, forderte, oder von Isadora Duncan, die genau in der damaligen Tanzmetropole Wien ihren ersten kontinentaleuropäischen Auftritt feierte. Emile Jacques Dalcrozes Rhythmikschule als Basis für die Bewegungslehre wird ebenso thematisiert wie die Tanzsysteme von François Delsarte und Bess M. Mensendieck.

Wiener Walzer à la Wiesenthal

Der Ausstellung gelingt ein Spagat zwischen nationaler und internationaler Historie mit unterschiedlichen Zugängen, allen voran aber Protagonistinnen wie Gertrud Bodenwieser (sie flüchtete 1938 nach Australien und führte ihr Schaffen dort weiter) oder Hilde Holger (sie überlebte im Exil in Indien, während 17 Familienmitglieder der Schoah zum Opfer fielen). Und natürlich auch die Schwestern Wiesenthal: Grete Wiesenthal fand ihre Bewegungsvollendung in Walzer-Schwüngen, für die die Kraft aus dem Boden genommen wird: für jeden Ballettschüler auch heute noch eine schmerzhafte Muskelkater-Erinnerung. Und so findet man sich dann auch schnell in einem wientypischen Thema der Ausstellung: dem Wiener Walzer, diesmal jedoch fern des Ballstandards, sondern als eine Möglichkeit, die eigene Körperlichkeit in Beziehung zu spezifischen gesellschaftlichen und künstlerischen Umräumen zu setzten.

Nach der Vorstellung der damaligen Akteure, der Offenlegung der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse, wird der Schritt ins Heute gewagt: Im dritten Raum gibt es von zeitgenössischen Performern wie Doris Uhlich Bewegungsanleitung für die Besucher, und die Nachfahren der Tanzmoderne werden vorgestellt. Begleitet wird die Schau von einem beeindruckenden Katalog.