Oskar Kokoschkas Ambivalenz zwischen "Oberwildling" (Ludwig Hevesi), außereuropäischen Einflüssen und der klassischen Kunstgeschichte mit Einbezug der Antike in den großen Triptychen, die er als alter Mann malte, rückt ihn aktuell nahe von Zygmunt Baumans Begriff "Retrotopia". Die "Prometheus-Saga" und die "Thermopylae" füllen fast einen Saal, begleitet von Lee Millers Aufnahmen der Entstehung 1950. Sein Aufbruch aus Wien über Berlin, Dresden und Prag bis zum nomadischen Leben in ganz Europa und dem Vorderen Orient, aber auch 70 Jahre Schaffenszeit, zeigen eine Wandlung vom Avantgardisten über den als "entartet" diffamierten Maler durch die Nationalsozialisten bis zum nie ganz beruhigten Figurenmaler voller Mythen vor Landschaft oder Städtebild. Im 20. Jahrhundert wurde Kokoschkas und Picassos Weigerung, in die Gegenstandslosigkeit vorzudringen, als "altmodisch" abgetan. Doch nach Auftreten der "Neuen Wilden", die seine grelle Farbigkeit und grafischen Pinselstrich anregend fanden, war ein Spätwerk wie "Time, Gentlemen Please" von 1971/72 wieder brandaktuell.

Abschied vom Klimt-Stil

Nach zwei Jahrzehnten ohne eine große Retrospektive in Wien rückt diese chronologisch angelegte Adaption einer Schau des Kunsthauses Zürich mit 160 unterschiedlichen Werken hier den Bezug mehr auf die Anfänge im Wien um 1900 und zur Sammlertätigkeit Rudolf Leopolds. Unter dessen 60 Ankäufen sind vor allem die frühen wichtigen Zeichnungen, die Kokoschkas Bruch mit dem Wiener Jugendstil ab 1908 und seinen Aufbruch in den Expressionismus zeigen. Insgesamt sind es 79 Gemälde, 81 Arbeiten auf Papier, viele Archivalien und Fotos, Plakate, sogar sein Rock für Lilith Lang und die Imitation der berühmten Alma-Puppe von Hermine Moos, sowie ein Film der kanadischen Filmemacherin Lizzy Hobbs von 2018, "I am OK", die eine Ebene des Museums füllen. Nach der Ausstellung bleiben die wichtigsten Objekte in zwei Sälen der Dauerpräsentation "Wien um 1900" weiter sichtbar.

In der "Wiener Zeitung" nannte Armin Friedmann 1911 in seiner Rezension der Hagenbundausstellung Kokoschka den "Klimt-Töter"; auch wenn er seinem Förderer die frühe Mappe mit Lithografien "Die träumenden Knaben" gewidmet hatte, ist die Abweichung durch seine eckigen, später knorrigen Kinderkörper mit extremer Gestik und folglich auch psychischer Unruhe erstaunlich, denn sie förderte auch Egon Schieles Abschied von Klimts goldenem Stil. Die Wiener Kritik war ziemlich gnadenlos; Kokoschka ließ sich die Haare scheren, schrieb 1909 sein in einer wilden Antike angesiedeltes Drama "Mörder, Hoffnung der Frauen" und setzte mit dem Plakat dazu ein weiteres Zeichen. Die Pieta mit enthäutet leidendem Mann ist aber nur der Anfang seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Geschlechterkampf, der trotz seiner tragischen Liebesgeschichte mit Alma Mahler, im Glauben an ein Matriarchat mündete.