Doppelt riecht besser: Florentina Pakostas "Doppelnase" aus dem Jahr 1979. - © artmark galerie, 2018
Doppelt riecht besser: Florentina Pakostas "Doppelnase" aus dem Jahr 1979. - © artmark galerie, 2018

Weil sie vier Mädchen sind

(cai) Wie heißt eigentlich die vierte Grazie? Ach, gibt’s denn mehr als drei? Ja, eben vier. Petra Gell, Mela Kaltenegger, Susanna Schwarz und G. Maria Wetter. Aber keine Ahnung, welche davon jetzt die vierte ist. Die sind schließlich nicht nummeriert. Okay, die alten Göttinnen der Anmut waren eh nur zu dritt. Dafür sind die neuen, die um ein Drittel mehr sind, auch gleich um 33 Prozent ungenierter.

Drei der "4 Grazien", dieser performativen Girl Group (verspielte Feministinnen mit viel Humor), zeigen im GPLcontemporary ihre Soloprojekte. Sinnliche Geschichten. Bei Mela Kaltenegger ist der Pinsel in unbeschwerter Bewegung wie ihre oft springenden (oder fallenden?) Frauen. ("Es soll auch ein bissl ausschauen, als wäre es so hingefetzt. In Wirklichkeit ist das natürlich Knochenarbeit.") Der Astronaut (die Astronaut-in?) driftet freilich eher in die Einsamkeit ab. Surreale Stimmungen. Scheinbar genauso mühelos zeichnet sie mit Nadel und Faden. Bei Johanna Schwarz wird dann "gevögelt". In der sehr ästhetischen Serie "Leda" (nach der Vogelliebhaberin - nein, keine Ornithologin). Kühle Vogel-Mensch-Erotik auf nacktem Holz. Und G. Maria Wetter (G. - wie dieser ominöse Lustpunkt?) blickt mit präzisem Strich durch Gucklöcher. Eine Peepshow gesammelter Momente? Mutterschaft, Knackarsch, und am Ende lauert die Orange. Die Zellulitis. Wetter: "Es ist ein harter Kampf, den wir da kämpfen." Um in Form zu bleiben, zum Beispiel.

Wir. Nämlich alle vier. Regelmäßig turnen sie im Vierlingslook vor der Kamera. Kaltenegger: "In Wahrheit sind wir unsportlich." In einem Männerschlafzimmer (sie positionieren sich ja gern frech in fremden Revieren) haben sie sogar die Macht ergriffen. Mit Hula-Hoop-Reifen. "Power to the Ladies" steht auf ihren Leiberln. Böse. Aber gut.

Grimasse und Macht

(cai) Die Ausstellung ist kopflastig? No na. Der Titel lautet immerhin "Köpfe in Revolte". Wogegen rebellieren die überhaupt? Doch bestimmt nicht nur dagegen, dass in einer anderen Schau, die wiederum "Talking Heads" heißt (Untertitel: "Zeitgenössische Dialoge mit F. X. Messerschmidt"), jemand fehlt, oder? Hat es eigentlich sonst noch wen gewundert, dass im Belvedere ausgerechnet die Florentina Pakosta nicht dabei ist, obwohl ihre Glatzerten sich so ganz besonders angeregt mit den Charakterköpfen unterhalten? Ja, den Johannes Haller von der artmark galerie. Und der hat die Ausstellung dann halt kurzerhand selber gemacht. (Ergänzt durch drei weitere Positionen.)

Sogar einen dieser skurrilen Messerschmidt-Köpfe mit Charakter, die mit jedem Gesichtszug gegen die klassische Gemütsruhe meutern, hat er aufgetrieben. Den "Missmuthigen". Vom Belvedere ausgeborgt? Kalt. Im Internet bestellt. (Okay, eine Replik. Trotzdem.) Pakostas Paraphrasen et cetera haben ebenfalls verdammt viel Gesicht. Zeigen die Zunge, sind deformiert, mutiert, haben diverse Prothesen, einen Scherenmund (kann man mit dem jemandem das Wort abschneiden?), oder diese großartige Künstlerin, die auch handwerklich was drauf hat (präzise schraffiert, sehr plastisch herausmodelliert), porträtiert sich selbst als Schnabelkopf. Und wenn sich, wie sie glaubt, die Macht in der Mimik widerspiegelt, hat der unkontrollierte Gesichtsausdruck tatsächlich revolutionäres Potenzial. Vor der Grimasse sind alle Gesichter gleich.

Beim Hermann J. Painitz hat dann garantiert keiner zwei Nasen. Der zählt genau nach. Ersetzt in seinen nichtmimetischen "pseudostatistischen Porträts" Physiognomie durch Geometrie. Listet Kreise und Rechtecke auf. Sebastian Kurz: Die großen blauen Augen sind in Wahrheit die Ohren. Also irgendwie doch mimetisch. Und eh nicht trocken. Auratisch: die "Schreine" von Zbyněk Sekal. Luftige Käfige für Abfallholz, das der Künstler quasi wieder aufgepäppelt hat. Und definitiv geeignet, um den Kopf freizukriegen (von revolutionären Ideen?): Akos Birkás mit seinen kontemplativen gemalten Köpfen, die er ja auch total ausgemistet hat. Bis nur noch friedliche Ovale übrig geblieben sind.