Rätselhafte Kanufahrt: "Spearfisher (Red Moon)". - © Courtesy the artist and Michael Werner Gallery, New York and London/Bildrecht Wien, 2019
Rätselhafte Kanufahrt: "Spearfisher (Red Moon)". - © Courtesy the artist and Michael Werner Gallery, New York and London/Bildrecht Wien, 2019

Die acht Großformate und eingestreuten kleineren Gemälde, die Peter Doig für seine Personale im Hauptraum der Secession in den letzten Monaten geschaffen hat, waren noch in keiner Ausstellung davor zu sehen. Der in Edinburgh geborene Maler wuchs in Trinidad und Kanada auf und studierte ab 1979 in London. Seine bekannten Motive - Landschaften mit Booten am Meer, Inseln und Veduten - findet er fast ausschließlich in Trinidad, wo er heute neben New York lebt und arbeitet. Obwohl er weltweit einer der einflussreichsten figurativen Maler ist, versucht er seine Produktion nicht zu sehr auf den fordernden Kunstmarkt auszurichten, lieber stimmt er sich auf wichtige Ausstellungsprojekte wie dieses ein. 2018 war sein Korrespondenz-Projekt mit Pieter Bruegel in der Gruppenschau "The Shape of Time" im Kunsthistorischen Museum zu sehen.

Rückblick auf van Gogh

Interessant und höchst anspruchsvoll ist diese Auswahl der Secession, da Doig, seit er 1994 den Turner Prize gewann, sonst in den wichtigsten Museen der Welt auftritt. Es waren dies die Tate Modern, gefolgt vom britischen Beitrag zur Biennale in Venedig 2003, der Tate Britain, der Schirn Kunsthalle Frankfurt, der Kunsthalle Zürich, dem Louisiana Museum und der Fondation Beyeler; 2012 waren seine Bilder Teil der Schau "Exquisite Corpses" im MoMa in New York.

Doigs Ikonografie ist auf seine Beobachtungen in Trinidad konzentriert; ein Kunstbuch behandelt die Skizzen, von denen er ausgeht. Vor allem die mittleren Formate erinnern im ersten Moment an die flüssig aufgetragene Farbigkeit von Paul Gauguin oder Emil Nolde. Tatsächlich ist Doigs Rückblick auf die Kunstgeschichte aber mehr mit Vincent van Goghs "Das gelbe Haus" oder den nächtlichen Mauern Giorgio de Chiricos verbunden. Einen Bezugspunkt bilden aber wohl auch die gelben Gefängnismauern in der Frederick Street, vor dem Atelier des Künstlers.

In Straßenszenen taucht - neben einem malenden Insassen der Gefängnisinsel Carrera, Badenden, Boot- und Rollstuhlfahrern - ein Mann mit Gitarre im Skelettkostüm auf: Es handelt sich um den bereits verstorbenen Calypsomusiker The Mighty Shadow. Tag und Nacht spielen eine große Rolle, werden sogar in zwei Ansichten des berühmten Hollywoodschauspielers Robert Mitchum in Badehose am Strand von Trinidad dominierendes Thema. Von einem Porträt kann nicht die Rede sein, aber Mitchum war tatsächlich dort. Die Gefängnisinsel selbst ist neben den horizontalen Strandansichten landschaftliches Hauptmotiv, und trotz der Figuren wirken die großen Malflächen nahezu abstrakt und dominieren die Kompositionen. Die Spannung zwischen malerischen Experimenten mit Farbfluss oder Kontrasten lassen die oft rätselhaften Inhalte zwischen Alltag, Pop und Erinnerungskultur vergessen.

Strand mit Heilserwartung

Die Spannung zwischen rein abstraktem Farbfeld oder horizontalem Strandverlauf und eingemischten erkennbaren, auch wiederkehrenden Einzelmotiven aus Trinidad, wie einem realen Leuchtturm, macht seine Gemälde für Viele so anziehend. Neben der soziologischen Spurensuche nimmt Doig auch einen Mythos der Rastafari-Bewegung auf, den in die Popkultur übernommenen biblischen Löwen von Juda. Als freilaufendes Raubtier in den Straßen symbolisiert er neben der Heilserwartung eine Widerstandshaltung - aus Christus, der den Tod überwindet, wird der Überwinder von Gefängnismauern. Eine eigenwillige Ikonografie, die mit den anderen Ebenen von Doigs Malkunst, vor allem der intensiven wie ausbalancierten Farbigkeit, immer wieder neue Variationen von Kanufahrern und Meerespanoramen erwarten lässt. Letztlich sind die Motive aber alle im Malprozess aufgelöste narrative Elemente, die sich nicht zu einer Geschichte abrunden und in ihrer Offenheit auch so typisch sind für unsere Gegenwart.

Die brasilianische Künstlerin Fernanda Gomes und die Amerikanerin Martine Syms ergänzen diese Schau mit völlig anderen Ansätzen und zwei sehr unterschiedlichen ortsspezifischen Installationen.