Aus ihrer Augenfarbe macht Thomas Thyrion ein Geheimnis. - © bechter kastowsky galerie
Aus ihrer Augenfarbe macht Thomas Thyrion ein Geheimnis. - © bechter kastowsky galerie

Er holt dann mal den Regen

(cai) Analügst du noch oder digitalst du schon? Okay, analog ist kein Verb und definitiv nicht das Präteritum von er/sie/es analügt. Und dem Johannes Deutsch braucht man diese Frage sowieso nicht zu stellen. Erstens hat er bereits 1986 "digitalt" (sein erstes Computerbild geschaffen) und zweitens kann man das Analoge und das Digitale bei ihm eh nicht so sauber trennen. Weil er beides quasi amalgamiert. Seine farbstarke (analoge) Malerei und die Neuen Medien anfangs in spannende Dialoge verwickelt, und in den 1990ern fotografiert er Digitales erst recht wieder mit der Analogkamera vom Monitor ab.

In der Galerie Feichtner kann man sich jetzt einen guten Überblick verschaffen über dieses konsequente Oeuvre eines experimentierfreudigen Pioniers, der, aus einer Komponistenfamilie stammend, drei klassische Instrumente (Klavier und so weiter) gelernt hat, um sich dann doch lieber für das vierte (den Pinsel) und schließlich das fünfte (den Computer) zu entscheiden. (Und außerdem Filme macht.) Gemälde sind ausgestellt, Skizzen, sequenzielle Arbeiten, wo sich alles wie diffuse Erinnerungen überlagert, zum Gedächtnis verdichtet, bis hin zu den neueren Zyklen voller Mythologie und Poesie. Und alle Wege führen zum interaktiven Gesamtkunstwerk.

Um Letzteres live zu erleben, muss man bloß über die Straße gehen. Rüber zum Haus der Musik. Und seine Multimedia-Oper "Zeitperlen" dirigieren. Mit bloßen Händen. Ohne Krücke. (Ohne Taktstock.) Visionäre Bilder und diverse Klänge zu sich winken, herauskitzeln aus einer virtuellen Traum- und Sehnsuchtswelt. "Ich hol einmal den Regen." (Johannes Deutsch) Totale Metamorphose. Bin beeindruckt. Seine Kunst ist halt nix für Faule, ist kein Frontalunterricht. Der Betrachter muss da schon ein bissl mitarbeiten.

Landschaften sind Naturkatastrophen

(cai) Es passiert also auch in meiner Nachbarschaft. Behauptet zumindest ein gewisser Thomas Thyrion. Wirklich? Das beunruhigt mich jetzt aber. Was denn überhaupt? Na ja, das weiß ich eigentlich gar nicht so genau. Nämlich warum dieser belgische Maler seine Ausstellung in der bechter kastowsky galerie "It happens in your neighborhood" genannt hat. Um häusliche Gewalt geht’s hier anscheinend nicht. Keine von den porträtierten Girls Next Door hat ein Veilchen im Gesicht, oder?

Gut, die Porträts sind ziemlich autistisch. Vermeiden auffällig jeglichen Blickkontakt. Trotz des intimen Formats, bei dem man natürlich näher ran muss (schon allein, um die sensible Pinselarbeit bewundern zu können), halten sie den Betrachter auf Distanz. Bleiben sie verschlossen. Die Landschaften wirken da gleich viel extrovertierter. Wirken, wohlgemerkt. Gigantische Rauchwolken steigen vom Meer auf oder walzen eine unberührte Idylle förmlich nieder. Bedrohlich und faszinierend zugleich. Woher diese allerdings kommen (Erderwärmung? - eher nicht), das wird nicht verraten. Von welchen Brandkatastrophen. Oder sind das pyroklastische Ströme? (Ein brodelndes Gemisch aus Asche und extrem heißen Gasen, das nach Vulkanausbrüchen ins Tal rast wie eine Lawine.) Man kann ja wohl kaum die Fingerprobe machen: Das Bild antippen, und wenn man eine ganz arge Brandblase kriegt, ist’s ein pyroklastischer Strom. Wie einfühlsam der Qualm auch gemalt sein mag. In Qualm kann man sich einfühlen? (Offenbar.) Ein katastrophales Sfumato quasi. (Sfumato: verraucht.) Wäre der Smog bei der Mona Lisa ebenso dicht gewesen, dann hätte die jedenfalls nicht rätselhaft gelächelt, sie hätte sehr durchschaubar gehustet.

Mysteriös: die schlichten, hermetischen Häuschen. Für Naturgeister. Schreine fürs Unsichtbare. Thyrion ist ja generell ein Meister des Geheimnisvollen. (Oder in seinen Worten: "It’s all about magic after all.") Fast genauso raffiniert malt er etwas nicht, wie er den Rest malt. Und sein Pinsel ist eine Zeitmaschine. Mit dem reist er zu den Alten Meistern zurück. (Öl auf Holz - he, wie die Mona Lisa!)