Die Sakralräume des 1943 im Tessin geborenen Architekten Mario Botta sind nicht nur für Christen gebaut: Eines seiner jüngsten Konzepte ist eine Moschee für Yinchuan in China, die seit 2016 im Bau ist. Dabei zeigt sich mit dem sakralen Bezirk um den Bau, der durch ein einfaches geometrisches Raster der Wände lichtdurchflutet ist, wie auch durch sein Minarett, dass es Rückblicke in die Geschichte der Architektur gibt. Herzuleiten sind sie nicht nur von dem seinem Lehrer Carlo Scarpa oder von Le Corbusier, sondern sogar von Clemens Holzmeisters expressionistischem Krematorium in Wien. Wie bei Holzmeister sind die Arkaden des Vorhofes der Moschee durch Spitzbogen gelöst. Das ist nur eine von vielen Entdeckungen, die derzeit im Ausstellungsbereich des Ringturms möglich sind.

Kurator Adolph Stiller hat sich auf die zahlreichen sakralen Bauten des weltweit tätigen Botta konzentriert, denn immer noch ist der sakrale Raum eine besondere Herausforderung für den Architekten, wenngleich er gegenüber Museumsbauten viel an Aufmerksamkeit in unserer säkularen Gesellschaft eingebüßt hat. Museen hat Botta übrigens auch gebaut, etwa das MoMa in San Francisco. Seine ersten Erfahrungen machte er noch während des Studiums und seiner Zeit als Bauzeichner im Büro Tita Carlonis, als er eine alte Kapelle im Kloster von Bigorio in der Schweiz 1966 mit einer modernen Einrichtung und einer Gestaltung des Bodens ergänzte.

Harmonisches Einfügen

Harmonisches Einfügen in alten Bestand und in die Landschaft der Umgebung blieb eines seiner Markenzeichen. 1986 folgte sein erster Kirchenbau in Mogno im Maggiatal, wo eine Lawine die barocke Kirche weggerissen hatte. Auf einen ellipsenförmigen Grundriss setzte er Kreis und Rechteck in einen zylindrischen Baukörper, eine für ihn typische Komposition, die er in Varianten und anderen Größenverhältnissen wiederholte.

Typisch sind für Botta neben den einfachen Grundformen um einen Raum der Stille auch die Verwendung verschiedenfarbiger Steine - so trotzt die Kirche von Mogno in Richtung Berg auch mit einer gestreiften bogenförmigen Wand dem ehemaligen Lawinenhang. Die Glasöffnungen sind in der nach vorne abgeschrägten Decke eingebaut. Innen im Altarbereich gibt es eine besondere Torlösung, die in zwölf Bögen zu einer Scheintür führt, wiederum in wechselnden Farbsteifen akzentuiert. Dabei geht es Botta um die Thematisierung der Schwelle, des Übergangs zum Transzendenten. Oft hat er mit Bildhauern und Malern zusammengearbeitet - in der Kapelle Santa Maria degli Angeli am Monte Tamaro (einem ähnlich abgeschrägten Zylinder plus viaduktartigem Querriegel in den Schweißer Alpen) mit Enzo Cucchi 1990/96. Mit Niki de Saint Phalle konzipierte er die "Arche Noe", den biblischen Zoo in Jerusalem in den Jahren 1995 bis 2001.

Am Penkenjoch im österreichischen Zillertal hat Botta eine Kapelle wie einen Granat auf den Gipfel gesteckt, denn der Edelstein sitzt als Dodekaeder auf anderen Steinen - in Rautenform tut es auch dieser ausgefallene Sakralraum von 2011/13. Ob Zylinder, wie in der Kirche Beato Odorico in Pordenone, zwei Zylinder wie bei der Cymbalista Synagoge plus Jüdischem Kulturzentrum in Tel Aviv oder Stern wie bei der Kirche Santo Volto Turin: Botta hat immer wieder seine abstrakten Grundformen mit besonderem Materialmix und einer speziellen Lichtregie gekoppelt. Dass dann auf der diagonal abgeschrägten Zylinderform der Kathedrale der Auferstehung in Évry in Frankreich auch am Dach noch ein Ring von Bäumen wachsen kann, ist eine weitere Variante seines Erfindungsreichtums. Derzeit baut Botta in Italien, China, Südkorea und der Ukraine an Sakralbauten, wenngleich er auch Bürogebäude, Einfamilienhäuser oder Wohnquartiere errichtet hat, wie in vielen zu den Plänen, Fotos und Modellen in Vitrinen geordneten Büchern und Katalogen zu entnehmen ist.