Wien. Die Schockstarre nach den Bewegtbildern der Flammenzungen über der Kathedrale löst sich. In der Betroffenheits-Metaphorik rangiert ganz vorne das Herz. "Herz der Nation" nennt Frankreis Präsident Emmanuel Macron Notre Dame de Paris. Vom Herzen der Stadt Paris spricht Papst Franziskus, die Tragödie treffe auch die Russen ins Herz, sagt Präsident Wladimir Putin. Sogar der Großimam der (mächlich aufgeklärten) Al-Azhar-Moschee in Kairo weiß sich im Herzen bei den Brüdern in Frankreich.

"Unsere Liebe Frau von Paris", 1163 bis 1345 errichtet, liegt tatsächlich im Herzen der Île de France. Dort, mit den Kathedralen von Saint-Denis und Paris mittendrin, lässt der deutsche Kunsthistoriker Otto von Simson in der Propyläen-Kunstgeschichte "die Kunst des Hohen Mittelalters mit dem historischen Wunder der plötzlich entstehenden gotischen Architektur" beginnen. Sie verbreitete sich rasch über Europa und endete in England im Perpendicular Style so linear wie der Hallenstahlbau der Londoner Weltausstellungen. Auch der in Paris verbrannte spitze Dachreiter, in Funktion als Vierungsturm, aus Holz mit Bleiummantelung, stammte aus dem 19. Jahrhundert.

Für das Wunder der architektonischen Neugeburt in Saint-Denis 1140, und bald in Laon, Chartres, Paris, Reims und Amiens, gibt es keine Erklärung - oder aber jede Menge: Machtzuwachs der französischen Könige, Erstarken der Städte, Wettstreben Papsttum-Königtum, Repräsentationsgier in Adel und Kirche, mönchische Reformbewegungen, nur aus religiösem Glückseligkeitsstreben erklärbarer Opferwille auch der kleinen Leute. Die Kathedralen sind Bischofskirchen, doch zumeist auch königliche Eigenkirchen.

Das erste Kreuzrippengewölbe ziert Saint-Denis, Grablege der französischen Könige. Die neuen Chorkapellen ließen "den ganzen Raum in wunderbarem und die Schönheit des Inneren ohne Unterbrechung erleuchtenden Schimmer der Glasfenster mit den heiligsten Darstellungen erscheinen", so 1140 bei der Kirchweihe der Abt. Als Epoche einer "lichtvollen Geistigkeit" würdigte der französische Mediävist Jacques Le Goff das 13. Jahrhundert.

Neues Bauen verdrängt Rundbögen und Kuppeln

Das Sonnenlicht als Gnadenstrahl Gottes, gebrochen in buntem Glas. Auch die Liturgie im Kerzenschein kann mystische Erlebnisse generieren. Der Dichter Paul Claudel berichtete von der Weihnachtsvesper in Notre Dame im Jahr 1886: "In einem Augenblick war mein Herz berührt, und ich glaubte."

Kreuzrippe, Spitzbogen, Strebepfeiler: Mit diesen auch schon in der Romanik ausprobierten technischen Innovationen schob das neue Bauen den in Rom für die Ewigkeit markierten Basilikastil von Rundbögen, Kuppeln, offenen oder bretterverschalten Dachstühlen beiseite. Der bescheidene Formenschatz im romanischen Mauerbau kann spielend leicht mit einem Steinbaukasten für Kinder demonstriert werden. In der Theorie wird oft auf den Einfluss des normannischen Stils hingewiesen. Konkret: auf den Schiffbau und den Spitzbogen aus Holz verkehrt herum.