- © Werner Scheuermann
© Werner Scheuermann

Nicht nur Gebäude sind identitätsstiftend, manchmal reicht auch ein Stück bemaltes Papier, so im Fall des Aquarells von Albrecht Dürer "Der Feldhase", das 1502 in Nürnberg entstanden ist. Das diagonal von links oben nach rechts unten im Blatt sitzende Tier mit seinem akribisch gemalten Fell hatte schon lange vor seiner Ankunft im Urbestand der Albertina derart suggestive Wirkung, dass Kaiser Rudolf II. in Prag einem seiner Hofmaler, Hans Hoffmann, Nachahmungen in Auftrag gab.

Wir Menschen der Post-Pop-Kitschära lieben das in vielen Größen, Farben und Materialien ausgeführte Multiple des deutschen Konzeptkünstlers Ottmar Hörl oder haben uns an es gewöhnt, da es nicht nur im Kassenraum der Albertina in Rosa lauert, sondern auch als großes Exemplar rechts der Oper auf die Ringstraße blickt und selbst am Dach des Würstelstandes unter der Albertina-Rampe in grün, mittelgroß, neben einer Sektflasche sitzt.

Paraphrase zum Quietschen

Hörl hatte 2003 am Nürnberger Hauptmarkt, zum Jubiläum der 500-Jahre-Existenz von Dürers Feldhasen, und als Paraphrase auf die 7000 Eichen von Kassel, die Joseph Beuys ab 1982 pflanzen ließ, ein "Hasenstück" aus 7000 grünen Plastikkopien des Feldhasen zur monumentalen Installation kombiniert. Sein Multiple im Shop der Albertina war früher signiert und unsigniert zu erwerben, seit Kurzem gibt es eine kleinere weiche Quietschentenausführung des Hasen.

Beuys‘ Hasenliebe war so groß, dass er stets Hasenköttel in seiner Brusttasche trug und eine Hasenpfote an der Weste, in seinem Hof Kaninchen zog und mehrere Aktionen mit seinem Leittier in ausgestopfter Form abhielt, außerdem eine Rampe für Hasen über die Berliner Mauer bauen wollte. Die Paraphrasen von Sigmar Polke wurden vom Künstler nicht nur gemalt, auch mit einem Band modellierte er Dürers Vorbild zum Relief, Klaus Steack steckte ihn in ein Schachtelgefängnis, aus dem nur Kopf und Pfoten ragen, und Dieter Roth formte ihn gleich aus Hasenköttel plus Erde, Stroh und Wasser zum Multiple, dieses Kunstwerk aus Mist ist derzeit in Hadersdorf am Kamp im Ausstellungshaus Spoerri zu "Mehrfach einmalig" mit seriellen Werken von Daniel Spoerri und Künstlerfreunden wie Christo, Duchamp, Meret Oppenheim oder Nam June Paik zu sehen.

Das 1503 von Dürer gemalte "Rasenstück" wirkt als Zufluchtsstätte für den Hasen, vor 1500 malte er die Blauracke und den "Blaurackenflügel", alle exemplarisch für Detailaufnahmen der Natur, die neben der Nachahmung der Antike zu den neuen Vorgaben für Maler der Renaissance in Italien zählten, die Dürer sich 1506 mit einer zweiten Reise nach Venedig, um diesmal Giovanni Bellini zu treffen, nach Norden in seine Werkstatt holte. Im wissenschaftlichen Schriftennachlass des Künstlers kann ausführlich über seine Reisen, die Wichtigkeit der Naturstudien und seine Lehrmethoden mit perspektivischer Rasterkonstruktion nachgelesen werden. Dürer nannte den neuen Stil nicht "Rinascita" wie später Giorgio Vasari, sondern "Wiedererwachsung" und meinte damit ein Wiedererwachen aus dem nächtlich dunklen Mittelalter, wobei er die "Kunst, die Menschen zu messen" in seiner 1528 erschienen Proportionslehre, ähnlich Leonardo da Vinci, hervorhob als vernünftige Methode.