Es ist eine extreme Gratwanderung. Auf der einen Seite stehen das Erinnern an und das Nicht-Vergessen der grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten mit der geschichtlichen wie wissenschaftlichen Aufarbeitung und die essenzielle Vermittlung der Fakten an zukünftige Generationen. Auf der anderen Seite steht das Engagement eines Künstlers, sich mit der dunkelsten Epoche des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen und diese unmittelbar in ihr kreatives Schaffen einfließen zu lassen. Ein waghalsiger, riskanter Ansatz, bei dem das Scheitern immanenter Teil davon ist.

Ein Drahtseilakt

Ein Scheitern, das auf mehreren Ebenen möglich ist: bei den Kunstwerken, auf der grundlegenden inhaltlichen Ebene bis hin zur Rezeption und Verarbeitung in der Öffentlichkeit. Solche Projekte reichen von der packenden wie aufwühlenden Präsentation von Arbeiten Zoran Musics im Konzentrationslager "La Risiera" in Triest, führen über Turnübungen unsensibler Touristen auf den Stelen von Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal in Berlin bis zu dem Sich-Niedersetzen auf die Figur des "straßewaschenden Juden" von Alfred Hrdlicka vor der Albertina. Ein Drahtseilakt zwischen künstlerischen Intention und öffentlicher Interpretation.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich auch die KZ-Gedenkstätte Mauthausen mit der Frage, wie heutzutage und zukünftig Erinnerung und Vermittlung zusätzlich zum (Schreckens-)Ort an sich und der begleitenden Ausstellung funktionieren kann. Unter der Leitung der überaus profilierten und ambitionierten Historikerin Barbara Glück wurden neben Symposien, Diskussionen oder Filmvorführungen auch fallweise Ausstellungen von zeitgenössischen Künstlern zur Weitervermittlung programmiert. Vor einiger Zeit ist der Vorarlberger Künstler Marko Zink mit dem Konzept einer Ausstellung an sie herangetreten. Zink beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem KZ-Mauthausen, hat die Stätte zigfach besucht, Quellen und Bücher intensiv studiert und sich daraufhin mit dem Ort künstlerisch auseinandergesetzt. Er will Besuchern einen anderen Aspekt der Erinnerungskultur eröffnen und eine neue Sichtachse der Aufarbeitung aufzeigen. Das aufrichtige Engagement ist dem 1975 geborenen Künstler keinesfalls abzusprechen, jedoch scheitert er mit diesem Projekt fulminant. Seine analogen Fotografien, deren Negative er kocht, perforiert oder stanzt, vom Lager und der Umgebung bleiben seltsam an der Oberfläche, berühren kaum, das Diabolische des Unorts tritt nicht ansatzweise hervor, sie rufen weder Emotionen noch Nachdenklichkeit hervor und erinnern in ihrer Retro-Vintage-Farbigkeit teilweise an Arbeiterstrandbadsiedlungen aus den 1950er Jahren. Die Schrecken der Erinnerung bleiben ausgeblendet. Gerade auch deswegen, weil die Ausstellung am Ort des Geschehens in Szene präsentiert wird, wo der Betrachter nur wenige Schritte zu gehen hat, um die grauenvollen Nachwirkungen der Verbrechen hautnah zu spüren. Wahrscheinlich misstraut auch Zink seinem künstlerischen Ansatz, denn er betont ausdrücklich, das Beiheft mit längeren Erläuterungen zu jeder einzelnen Arbeit eingehend zu studieren.

Es wäre ein spannender Moment, wenn es gelingt, einen der letzten Zeitzeugen und Überlebenden des KZ-Mauthausens für eine Besichtigung der Ausstellung und eine Diskussion zu gewinnen. Eine Diskussion, wie weit sich individuelles Er- und Überleben von der Interpretation zeitgenössischer Kunst unterscheidet.