Mona Lisa, von Fliegen gemalt: Maximilian Prüfer zeigt uns die "Fly-Behavior". - © Maximilian Prüfer
Mona Lisa, von Fliegen gemalt: Maximilian Prüfer zeigt uns die "Fly-Behavior". - © Maximilian Prüfer

Die Einsamkeit ist überbevölkert

(cai) Eigentlich ist es ja unmöglich, ein Foto von einer menschenleeren Landschaft zu machen. Okay, auf dem Mars, wo höchstens ein paar Nasa-Rover herumkurven, geht das schon. Aber auf der Erde ist dauernd mindestens ein Mensch anwesend: der hinter der Kamera.

Der Jakobshavn-Gletscher auf Grönland war also auch nicht völlig mit sich allein, als diese atemberaubenden Aufnahmen von ihm entstanden sind, auf denen er in eine monumentale Stille gehüllt ist und ins stimmungsvolle Licht des Polartages. Ein bissl Melancholie mischt sich in die Romantik, denn jede Schönheit ist vergänglich. (Außer die der Plastikblumen.) Sogar ewiges Eis schmilzt bekanntlich. Sind diese unwirklichen Farben überhaupt echt? Und vor allem: die Bilder? Das fragt man sich hier oft. Hier: in der Galerie Frey. Die zeigt nämlich starke, intensive Fotoarbeiten von Jorge Fuembuena, und den hat schließlich immer mehr interessiert, wie wir die Realität konstruieren, als die Realität selbst. Besonders surreal: das Inferno aus brennenden Autoreifen. Oder wenn Touristenhorden zwischen Geysiren ausgerechnet die Einsamkeit niedertrampeln, die sie dort in der Wildnis suchen. Entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Bloß vorgetäuscht: die Feindseligkeit dieses Himmels voller Fallschirmjäger und Helikopter. Ein Nato-Manöver. Die spielen alle lediglich Krieg. Die Fotografie jedenfalls ist absolut ehrlich zu uns. Erfindet nix.

Im Keller: Claudia Rogge (Fotorealismus andersrum: Technisch perfekte Fotografien machen auf alte Gemälde; kühle Akte, Porträts, Stillleben tauchen sehr plastisch aus einem tiefen Schwarz auf wie aus einer fernen Vergangenheit) und Manfred Bockelmann, der mit dem Fotoapparat Bodenproben nimmt, weil die abstrakte Kunst eben auf der Straße liegt.

Worauf Fliegen fliegen

(cai) Alle fliegen auf die Mona Lisa. Oder mit großem F? Als Angriffsbefehl? (Alle Fliegen auf die Mona Lisa!) Die kleinen Insekten fühlen sich nämlich zur großen Kunst total hingezogen. Wie der Maximilian Prüfer jetzt unwiderlegbar nachgewiesen hat. Schlicht "Tier" heißt seine originelle Schau in der Galerie Kandlhofer.

Nein, er hat nicht 1000e von ihnen im Louvre ausgelassen (und in anderen Museen) und nachher die "Likes" gezählt, also geschaut, wo die meisten Fliegen drauf waren. Vielmehr hat er sie in eine Box gesperrt. He, wie der Schrödinger seine Katze. Da drin waren sie vielleicht ebenfalls sowohl tot als auch lebendig, allerdings war ihr Futter (gezuckerte Farbe) eh nicht vergiftet, sondern sie sind irgendwann eines natürlichen Todes gestorben. Auf einer Seite der Kiste: ein weißes Blatt. An dessen Rückseite: eine Folie mit dem jeweiligen Meisterwerk. Die dunklen Stellen haben sich in der Sonne nun stärker aufgeheizt und die Fliegen angelockt. Die dort fleißig "markiert" haben. Zwar hat sie das Lächeln der Mona Lisa völlig kaltgelassen, der Rest ist aber erstaunlich wiedererkennbar. Ein Fliegenkollektiv interpretiert Bilder aus unserem kollektiven Gedächtnis. Van Goghs "Sonnenblumen", Dürers "Feldhasen", Warhols "Suppendose". Wie vage Erinnerungen aus unseren eigenen Köpfen. Der Künstler studiert die Natur und diese die Kultur.

Und die "Schmetterlingsdrucke"? Direkt von den Schmetterlingsflügeln werden die Muster farbbrillant aufs Papier transferiert. ("Der Schmetterling ist dann tatsächlich leer.") Krass. Noch krasser: die Quintessenz einer Schmetterlingssammlung. Die zusammengekratzten bunten Schuppen von jedem Falter in Flascherln gefüllt. Geht’s da um die Natur der Malerei? Und was ist das Radikalste, was man als Maler machen kann? Äh, gar nicht malen? Na ja, oder die Pigmente einzeln unterm Mikroskop in einer Linie aufreihen. (Nachdem man sie von einem blauen Morphofalter gepflückt hat.) Lauter spannende Dialoge zwischen Kunst und Wissenschaft, Mensch und Tier. Oder Symbiosen?