Im 19. Jahrhundert war es innerhalb Europas noch möglich, dem Schafott zu entgehen, wenn man sich ins Nachbarland absetzte. Der 1813 als Eduard Baldus in eher armer Gegend in Rheinland-Pfalz geborene spätere Fotograf war Oberkanonier der preußischen Armee. Nach einer Ausbildung als Drucktechniker in Köln begann er das neu eingeführte preußische Papiergeld zu fälschen und wurde ab 1835 per Steckbrief gesucht. Da die Beschreibung darin sehr genau ausfiel, setzte er sich nach Frankreich ab und verschleierte danach sein Geburtsdatum, nannte sich bald Édouard Denis Baldus und versuchte sein Talent als Maler durchzusetzen. Doch mit seinen meist religiösen Sujets war er, trotz Teilnahme am Salon des Louvre 1842, nicht wirklich erfolgreich, so lernte er ab 1848 das neue Handwerk Fotografie, kurz nachdem die Daguerreotypie vom Positiv-Negativ-Verfahren mit Papier abgelöst wurde, was auf Henry Fox Talbot und Hippolyte Bayard zurückging. Baldus reiste 1849 erstmals in den Süden Frankreichs, als die Eisenbahn noch nicht ausgebaut war und er mit schwerer Plattenkamera, Glasnegativen und Stativ zum Teil noch per Pferdekutsche fahren musste.

Architekturfotografie-Pionier

Die neue Technik wurde vom aufkommenden Denkmalschutz für wissenschaftliche Dokumentation entdeckt. Baldus hatte inzwischen gut bürgerlich geheiratet und das Vermögen seiner Frau sicherte seinen Neuanfang ab. Es war politisch eine unruhige Zeit, da nach der Februarrevolution Napoleon III. an die Macht kam, aber das Regime entdeckte die politische Brisanz des neuen Mediums und nutzte die Propaganda, neue industrielle Bauten - vor allem die privat von Baron James de Rothschild gebauten Eisenbahnstrecken samt Brücken, Viadukten und Bahnhöfen - mit den alten römischen Ruinen im Süden Frankreichs zu konfrontieren: Nicht weniger als ein neues römisches Imperium wurde im zweiten Kaiserreich angestrebt. Die Fotos mussten gestochen scharf sein und die Bauwerke dramatisch ins Bild setzen: eine neue Wahrnehmung, die für große Alben genutzt wurde, von denen Baldus einige im Auftrag des Kaiserreichs erstellte.

Zum 180. Geburtstag der Fotografie zeigt das Westlicht eines dieser Alben mit 69 Aufnahmen, die vom Bahnhof Lyon ausgehend den südlichen Teil der "Chemins de fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée" umfassen. Dieses Album ist im Besitz der Sammlung OstLicht und die große Schau wurde von Fotohistorikerin Anna Auer kuratiert. Als Pionier der Architekturfotografie und Vorläufer seiner Enkel Bernd und Hilla Becher - dazwischen sind Èugen Atget und August Sander mit ihren wissenschaftlichen Serien zu nennen - war Baldus äußerst erfolgreich, er beschäftigte viele Mitarbeiter und der Vertrieb mit den Staatsaufträgen florierte bis etwa 1884. Erst nach seiner Serie über den Brand des Pariser Rathauses geriet er in finanzielle Schwierigkeiten. Er widmete sich auch der Publikation eines neuen Verfahrens 1870 "Les Principeaux Monuments de la France, Reproduits en Héliogravure" und nahm mit seinen Mappen an der Wiener Weltausstellung 1873 teil.

Experimente mit Chromsalz

Baldus bekam 1861 bis 1863 für einige, damals mit den schweren Kameras noch beschwerlichen Reisen unter anderem die Gebiete Fontainebleau, Burgund und auch die Provence zugeteilt, wobei seine besondere Aufmerksamkeit dem römischen Arles, Orange und auch dem Ponte du Gard neben den Eisenbahnbauten galt. Schon davor, 1855/56, war er mit einem Dutzend Mitarbeitern so erfolgreich, dass er die Überschwemmungen im Rhônetal für das Innenministerium und den neuen Trakt des Louvre in zuweilen riesigen Formaten dokumentierte. Er war mittlerweile französischer Staatsbürger und wurde 1860 für seine Verdienste, auch als Fototheoretiker, zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, besaß ein Haus am Jardin du Luxembourg. Weit weg von Steckbrief und Erfolglosigkeit experimentierte er mit Chromsalz und Eisenchloridlösung, vereinte Tief- und Hochdruck. Es ist nicht geklärt, warum er am Schluss Konkurs seiner Firma anmelden musste, aber seine Frau starb früh, die drei Kinder wurden von der Schwiegermutter erzogen, was ihn trotz der Staatsaufträge in tiefe Depressionen stürzte.