Waren 1997 als größerer Schwarm bei der Biennale von Venedig: Maurizio Cattelans Tauben. - © KHM/Maurizio Cattelan
Waren 1997 als größerer Schwarm bei der Biennale von Venedig: Maurizio Cattelans Tauben. - © KHM/Maurizio Cattelan

Es sind also keine Pferde, auch keine mit Karren und kein Selbstbildnis, das der 1960 in Padua geborene und in Mailand und New York lebende Maurizio Cattelan im Theseustempel 2019 situiert hat, sondern - zu Wien wie Venedig passend - Tauben. Vierzehn ausgestopfte Tiere sitzen am Gesims unterhalb des Tonnengewölbes, eine oben am Dachfensterrand. Da Kurator Jasper Sharp schon zuletzt mit Fondazione Prada Mailand für seine Gegenwartskunstinterventionen im KHM zusammenarbeitete, kommen die Vögel aus dieser Sammlung. 1997 hatte der Künstler 2000 von ihnen im italienischen Biennalepavillon platziert, nachdem er bei einer ersten Besichtigung ihre übermächtige, Dreck hinterlassende Präsenz im leeren Raum vorfand. Venedigs Problem mit den Touristen verhalf zum bleibenden Titel "Turisti", hier blicken sie aber auch auf den leeren Platz hinab, auf dem einst Antonio Canovas Theseus mit dem Kentauren stand.

Skurriler Humor

Die alte Generation Tauben fütternder Wienerinnen ist zwar nahezu ausgestorben, aber Georg Kreislers Gedicht mit der Aufforderung zum "Taubenvergiften im Park" hallt doch noch in unseren Ohren und Gedanken. Es passt zum skurrilen Humor des italienischen Starkünstlers, der durch zwei Figurenensembles bekannt wurde, die schockierten wie auch belustigten: 1999 war "Die Neunte Stunde" der Aufreger in der Kunstwelt, denn auf einem roten Teppich lag in Wachs, ganz lebensecht gestaltet, Papst Johannes Paul II. im weißen Gewand mit seinem goldenen Hirtenstab, scheinbar tödlich getroffen von einem Meteoriten. 2001 legte Cattelan dann noch im Willen zu provozieren nach, indem er einen knieenden Hitler in Kindergröße schuf und "Him" nannte. Die Figur bittet scheinbar die Betrachter um Vergebung.

Frechheit siegt auch am Kunstmarkt: 2016 wurde diese Politpuppe um 17,2 Millionen Dollar versteigert. Davor hing sie im Winter 2010/11 in der Rotunde des berühmten Solomon R. Guggenheim-Museums in New York mit allen anderen Werken des Künstlers, wie Weihnachtspakete an Seilen - ein unvergesslicher Anblick und doch wieder ein Seitenhieb des Künstlers auf den Konsumwahn, Kunstmarkt und gleichzeitig Institutionskritik an der Art wie Ausstellungen sonst in Museen präsentiert werden. Es folgte seine Erklärung des Rückzugs aus der Kunstwelt, den er aufhob um diesem Museum 2016 eine funktionstüchtige Kloschüssel aus purem Gold zu verpassen.

Die "heiligen Kühe" der Amerikaner verschonte Cattelan auch mit der Puppe von John F. Kennedy als Leichnam in einem Sarg nicht und legte einem Eichhörnchen eine Pistole nach scheinbarer Selbsttötung am Küchentisch zu Füßen; "Bibibidobidiboo" ist der hinreißende Protest gegen die übermächtige Waffenlobby und steht für seine Analyse des psychischen Zusammenbruchs der amerikanischen Gesellschaft der 1990er Jahre. Cattelan liebt es, wie in der italienischen Oper die ganz großen Gefühle anzustacheln und verbindet zwei Aspekte der Kunst seit der Antike, das Trompe l’oeil, die Augentäuschung, und den Kitsch, indem er rührende Bilder durch melancholische Gedanken auslösende Situationen erzeugt.

Böser Schelm

Die Taubenfamilie gehört dabei zu seinen nahezu minimalistischen Werken, die Wirkung auf die Tempelarchitektur jedoch ist verheerend - müsste ein Museumswächter doch versuchen, das Vogeldreck hinterlassende Geschwader zu vertreiben. Damit sind die Tauben aber nicht nur Touristen, sondern auch Migranten in einer ihnen verbotenen Welt. Da Cattelan in Selbstbildnissen aus schwarzen Rahmen an der Wand wie ein ausgestopftes Tier auf uns herunterschaut oder einige Male den Fußboden der Museen öffnen ließ, um aus dem Untergrund hervorzublicken, können wir ihm weiterhin einiges zutrauen. Wer nicht genug bekommen kann von diesem bösen Schelm der Kunstszene, denke an seine aus dem Wasser auftauchende Leiche "Out of the Blue", die allerdings - als reine Geldverschwendung - für immer in einem See versunken sein soll.