Der Günstling der Familie Medici war einer der einflussreichsten Künstler dieser Epoche und schuf zahlreiche Gemälde, Skulpturen und Denkmäler. Verrocchio forderte von seinen Schülern nicht nur eine künstlerische Universalität, sondern auch ein intensives Studium der Anatomie, Mathematik und Optik, was besonders für Leonardos späteres Schaffen wesentlich war.

1482 verließ Leonardo wegen verschiedener Auseinandersetzungen mit seinen kirchlichen Auftraggebern Florenz und reiste nach Mailand. Dort trat er erst als Architekt und Ingenieur in den Dienst des Herzogs Ludovico Sforza. Als Hofkünstler hatte Leonardo noch andere Aufgaben. Er entwarf Kostüme für Theateraufführungen, übernahm Inszenierungen und trat als Sänger auf, der sich auf der Laute begleitete.

Berühmt war Leonardo für die prunkvollen Feste des Hofes. Seine Stellung als Hofkünstler färbte auf seine Lebensführung ab: Er bewohnte ein feudales Appartement, das als Wohnung und Werkstatt diente, wo er mit dem Gesellen Salai zusammenlebte. Er färbte sein ergrauendes Haar, parfümierte die Hände mit Rosenwasser und kleidete sich extravagant. Er trug einen Umhang aus Taft, einen dunkelvioletten Mantel, ein Wams aus pfauenblauem Satin, schwarze, rosafarbene oder violette Strümpfe und Stiefel aus rotem Leder.

Leonardos modische Inszenierung war nur eine der vielen Facetten seiner Persönlichkeit, eine Maskerade, hinter der sich ein zutiefst pessimistisches Menschenbild verbarg, wie Volker Reinhardt betont. "Das ist ein blinder Fleck in der Leonardo-Forschung. Der Mensch ist vor allem destruktiv; er zeichnet sich durch die Lust am Töten aus, quält andere Lebewesen, unterjocht die Natur und sieht sich als Krone der Menschheit, die er nicht ist".

Sein negatives, apokalyptisches Menschenbild artikulierte Leonardo in verschiedenen Texten seines über 6000 Seiten umfassenden Gesamtkonvoluts, das er hinterlassen hat. "Die Menschen werden sich untereinander unablässig mit schwersten Schäden und Morden bekämpfen und ihre Bösartigkeit wird kein Ende haben. Mit ihren starken Gliedern werden sie einen großen Teil der Bäume der großen Wälder des Universums niederreißen. Und dann werden sie Tod, Kummer, Mühsal, Angst und Schrecken unter den anderen belebten Dingen säen."

Zentralorgan Auge

Das zentrale Organ für die künstlerische Tätigkeit Leonardos war das Auge. Es zählte die einfache Erfahrung des optischen Eindrucks, die er in obsessiver Weise zeichnend und malend festhielt. Leonardo verstand die Malerei als eine Philosophie, mit der er die Natur oder auch die menschliche Anatomie erforschte. Ihn interessierte das Sichtbare. Für Leonardo war die Beobachtung realer Dinge die einzig gültige Wissensquelle. "Das Auge, das als das Fenster der Seele bezeichnet wird, ist das primäre Instrument, kraft dessen der sensus communis des Gehirns die unendlichen Werke der Natur am vollständigsten und prächtigsten zu betrachten vermag", notierte er.