Sie haben so viele Gesichter. Zum Beispiel Andrzej, mit dem wachen und klaren Blick, die Augen neugierig geweitet. Oder Galina, die in die Kamera strahlt, die Lippen zu einem sanften Lächeln geformt. Oder Harry, mit dem silbergrauen Scheitel und dem verklärten Blick. Sie leben heute in den USA, in Deutschland, in Österreich, der Ukraine, Israel und Russland. Aber es gibt etwas, das sie eint: Sie alle sind Opfer des NS-Terrors, den sie doch überlebten.

Die Gesichter der Menschen, auf dunklem Hintergrund, mit starken Kontrasten, den Blick direkt in die Linse: Der deutsch-italienische Fotokünstler Luigi Toscano hat sie für sein Projekt "Gegen das Vergessen" porträtiert. Jetzt wird seine Arbeit erstmals in Österreich gezeigt. Ab Dienstag, 7. Mai, werden rund 100 großformatige Porträtfotos von Überlebenden der NS-Verfolgung am Wiener Burgring, an der Außenseite des Zauns des Heldenplatzes, gezeigt.

Fünf Jahre Jahre reiste der 46-jährige Toscano um die Welt, um fast 300 Holocaust-Überlebende zu fotografieren. Wie Andrzej Korczak-Branecki, den Mann mit dem wachen Blick, 1930 in Warschau geboren, der sich 1944 dem Warschauer Aufstand anschloss, in das Konzentrationslager Dachau kam und drei Todesmärsche überlebte. Galina Bytschkowa, geboren 1938 in Moskau, die 1943 nach Deutschland verschleppt wurde. Harry Markowicz, gebürtiger Berliner, der nach Belgien floh, wo er die Kriegsjahre in einem Versteck bei mehreren nichtchristlichen Familien überlebte. Oder auch Viktor Klein, der heute in Wien lebt, aus einer jüdischen Gemeinde in der Westukraine stammt und - anders als seine Verwandten - Auschwitz überlebte.

Spätberufener Porträtkünstler: Luigi Toscano. - © Toscano
Spätberufener Porträtkünstler: Luigi Toscano. - © Toscano

Nochmals in die Lagerkleidung

Mit einer reduzierten Bildsprache hat sich Toscano seinen Protagonisten angenähert. "Das ist eine ganz einfache, direkte, ungeschminkte Fotografie", sagt Toscano, "eine stille Begegnung mit individuellen Lebensgeschichten." Das Gesicht dieser Menschen und somit auch ihr Schicksal in den öffentlichen Raum zu tragen, intim und direkt, aber ohne erhobenen Zeigefinger und für alle zugänglich, das habe ihn interessiert. "Mimik, Ausdruck und selbst Kleidung spiegeln die individuellen Erfahrungen und den Umgang damit wider", heißt es im Bildband zum Projekt. Oft waren die Begegnungen aber auch überraschend. Dann etwa, als ehemalige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter aus Polen wie selbstverständliche für die Porträtfotos ihre Lagerkleidung anzogen, "die so eng mit dem erfahrenen Leid verbunden ist".