Susan Cernyak-Spatz. - © Toscano
Susan Cernyak-Spatz. - © Toscano

Der Fotograf Toscano, schwarzer Vollbart, Kapuzenpulli und Sneakers, ist ein "Spätberufener", der über Umwege zur Fotografie kam. Der Sohn italienischer Gastarbeiter jobbte viele Jahre als Dachdecker, Türsteher und Fensterputzer, bevor er an der Volkshochschule die Fotografie für sich entdeckte. Den Weg zum großen Projekt ebnete eine Arbeit in seiner Heimatstadt Mannheim: "Heimat Asyl", überlebensgroße, markante Porträts von Menschen, die gerade einen Asylantrag in Deutschland gestellt hatten, wurden an der Fassade der Alten Feuerwache angebracht. Das war 2014, noch ein Jahr vor dem Flüchtlingssommer. "Aber schon damals hatte sich so eine feindliche Stimmung breitgemacht", erinnert sich Toscano. Berührend sei es gewesen, als Passanten begannen, spontan an den Litfaßsäulen ihre Hilfe für die Porträtierten anzubieten. "Die Menschen, die hier niemand sehen will, wurden ins Zentrum gerückt und deutlich gemacht, dass jeder von ihnen eine Geschichte hat, ein Schicksal", beschrieb es damals eine Mannheimerin.

Eduart Klein. - © Toscano
Eduart Klein. - © Toscano

Nach dem Erfolg des Projekts wagte sich Toscano an das Porträtieren von NS-Opfern. Er fing mit fünf Männern an, die das KZ Mannheim/Sandhofen überlebt hatten, bald reiste er nach Russland und in die Ukraine. Zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Mannheim zeigte er 70 Porträts in seiner Heimatstadt. Toscano wollte weitermachen - um jeden Preis. Um seine Ausstellung auch in die Ukraine zu bringen, ein Land, das besonders unter den Gräuel der Nationalsozialisten gelitten hatte, verkaufte er sogar seinen Roller.

Viktor Klein. - © Toscano
Viktor Klein. - © Toscano

Mit der Ausstellung zum 75-Jahr-Gedenken an Babyn Jar, eine Stätte in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, wo die Nazis 1941 an nur zwei Tagen 33.000 Menschen ermordeten, gelang ihm der Durchbruch. Die "Süddeutsche Zeitung" und die "Zeit" berichteten über den Deutschen, der um die Welt reiste, um den Holocaust-Überlebenden ein Denkmal zu setzen. Mittlerweile wird das Projekt mit Geldern des deutschen Auswärtigen Amts finanziert. Toscano hat seine Fotografien schon am Internationalen Holocaust-Gedenktag vor dem UN-Hauptquartier in New York sowie zuletzt in Washington und Boston gezeigt. Die Ausstellung läuft derzeit ebenso in San Francisco und in Mainz, weitere Projekte in Europa sind geplant.

Eleanor Chroman. - © Toscano
Eleanor Chroman. - © Toscano

Unterstützt von Van der Bellen

Nach Österreich kommt Toscano aufgrund der Regierungsbeteiligung der FPÖ und ihrer Skandale, die auch in Deutschland Schlagzeilen gemacht haben, mit gemischten Gefühlen, wie er andeutet. "Meine Arbeit zur Erinnerungskultur kann und soll aber auch provozieren", sagt er. Dass ihm Bundespräsident Alexander Van der Bellen, an den sich Toscano mit einer Mail wandte, innerhalb weniger Tage seine Unterstützung für das Projekt zusagte, habe ihn wiederum beeindruckt. "Es wird immer unbegreiflich sein, wie Menschen anderen Menschen so Unbeschreibliches antun konnten - auch hier in Österreich", so Van der Bellen, der die Ausstellung eröffnen wird, in einer Aussendung. "Wir müssen versuchen zu erfassen, welches Leid die Überlebenden der NS-Verfolgung erfahren mussten und welchen Einfluss es auf ihr gesamtes Leben hat. Dazu ist es wichtig, ihre persönlichen Schicksale zu erzählen, damit sie nicht hinter anonymen Zahlen und Statistiken verschwinden.

Manche dieser Schicksale sind Toscano besonders in Erinnerung geblieben. Wie Anna aus Kiew, die Auschwitz und die Versuche des NS-Arztes Josef Mengele überlebte und ihre Angst vor Ärzten erst dadurch überwand, dass sie selbst Ärztin wurde. Oder Ralph, der heute in Chicago lebt und das Gespräch mit dem Fotografen damit eröffnete, dass er Toscanos Tattoos lobte - und daraufhin seinen Ärmel zurückstreifte, um seine eigene KZ-Nummer zu zeigen. Oder Rena Finder, die auf Schindlers Liste stand und gerettet wurde. Und nicht zuletzt die heute 96-jährige Susan Cernyak-Spatz, die in Wien geboren und nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert wurde - und dem Fotografen die folgenden Worte, ein Zitat des spanischen Philosophen George Santayana, mit auf den Weg gab: "Wenn wir die Vergangenheit vergessen, sind wir verdammt, sie zu wiederholen."