Die Bilder von Emil Nolde (1867-
1956) gehören zum Kanon der Malerei des 20. Jahrhunderts. Zwei davon hingen bis jetzt sogar im Berliner Kanzleramt - im Büro von Angela Merkel. Auch bei Kanzler Helmut Schmidt hing übrigens schon im Bonner Kanzleramt eine Nolde-Landschaft "Meer III" über dem Schreibtisch.

Seine Werke sprechen für sich - so wie der Maler selbst auch. Was beide sagen oder sagten, geht aber keineswegs in die gleiche Richtung. Die Bilder stehen für einen bedeutenden Künstler auf Augenhöhe mit den anderen Expressionisten seiner Zeit. Der Zeitgenosse aber hatte sich schon 1910 mit Max Liebermann überworfen; gebärdete sich als penetranter Antisemit und biederte sich bei den Nazis als Vorkämpfer einer rein "deutschen" Kunst, also als ihr eigentlicher Staatskünstler an. Das half ihm aber alles nichts: Er wurde bei den braunen Herrn dennoch "nur" zu einem reichlich vertretenen "Star" der berüchtigten Ausstellung "Entartete Kunst". Zumindest auf deren ersten Stationen 1937/38. Als dänischer Staatsbürger schaffte es Nolde tatsächlich, Schlüsselwerke von sich Ende des Jahres 1938 dort wieder loszueisen. Er wurde mit Berufs- und Ausstellungsverbot belegt, verdiente aber im Jahre 1940 beachtliche 80.000 Reichsmark mit Verkäufen seiner Bilder. Für die selbstgestrickte Nachkriegslegende von sich selbst kamen vor allem seine berühmten "ungemalten Bilder" zu Ehren.

Legende vom verfolgten Maler

Die Aufnahme seines Hauptwerkes "Das Leben Christi" in die Schandausstellung "Entartete Kunst", hielt er für ein Missverständnis. Nach dem Krieg war es für ihn ein Beleg für seine Behinderung durch die Nazis. Schließlich legte die "Deutschstunde" von Siegfried Lenz den Grundstein für die Legende vom verfolgten Maler, dem man nach dem Krieg eine gewisse Regimenähe allzu gerne auch mit dem Blick auf sich selbst nachsah. Die von Nolde testamentarisch eingerichtete Emil-Nolde-Stiftung in Seebüll hat diese Legendenbildung einst ebenso befördert, wie sie in den letzten Jahren, unter der neuen Leitung von Christian Ring, ganz der historischen Wahrheit verpflichtet, die Aufklärung der Verklärung mitbetrieben und ermöglicht hat.

Die Ausstellung, die jetzt im Hamburger Bahnhof in Berlin, der Dependance der Nationalgalerie fürs Zeitgenössische läuft, versucht sich am Balance-Akt, den Maler in seiner Zeit und vor allem in seiner gewollten geistigen Nähe zu den Nazis und den Antisemiten neu zu bewerten, ohne den Künstler zu denunzieren, also das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Man muss beziehungsweise kann dazu viel Erläuterndes und Originales lesen. Aber auch die ausgewählten Werke erzählen von diesem Zwiespalt.

Sein Bild "Reife Sonnenblumen, 1932" wurden 1933 bei Ernst Hanfstaengl aufgehängt, damit Hitler bei einem Besuch darauf aufmerksam wird. (Das Bild wurde 1935 durch die Nationalgalerie im Tausch erworben, 1937 beschlagnahmt, Ende Juni 1939 über die Auktion bei Fischer in Luzern in die USA verkauft.) Diese Sonnenblumen-Variante ist ein Beispiel dafür, dass ein Werk seinem Schöpfer überlegen und viel klüger antizipieren kann, als es der Zeitgenosse vermag.

Anders die gezeigten Porträts, bei denen er bewusst auf christliche Sujets (die ihn berühmt gemacht hatten) verzichtet, weil er damit - in den Augen der Machthaber - dem jüdischen Erbe möglicherweise zu nahe kam. Stattdessen wendete er sich dezidiert dem "Nordischen" zu und verliert prompt an Wirkungsintensität und Originalität.

"Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus" im Hamburger Bahnhof ist ein gelungener Versuch, Ergebnisse eines mehrjährigen Forschungsprojektes der Kunsthistorikerin Aya Soika und der Historikers Bernhard Fulda zu präsentieren und sich in Form einer Ausstellung bei der Korrektur einer etablierten Widerstandslegende sozusagen mit dem Maler gegen den Zeitgenossen zu verbünden. Ein gelungener und vom Publikum goutierter Balanceakt.