Es hat enorm lange gedauert. In zweifacher Hinsicht: Einerseits ist Renate Bertlmanns "Discordo ergo sum" ("Ich widerspreche, also bin ich") die erste Einzelpräsentation einer Künstlerin seit der Eröffnung des österreichischen Pavillons in Venedig im Jahr 1934. Andererseits war es natürlich hoch an der Zeit, einer der wichtigsten Vertreterinnen der heimischen zeitgenössischen Kunstszene und exponierten Verfechterin feministischer Kunstkonzepte eine gebührende Plattform zu bieten, um ihr Oeuvre aus fast fünf Jahrzehnten einer breiten internationalen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Für die 1943 in Wien geborene Bertlmann war es nach Studien an der Academy of Arts in Oxford sowie an der Akademie der Bildenden Künste in Wien meist schwer im männerdominierten Kunstbetrieb Fuß zu fassen. Noch dazu, wenn ihr künstlerischer Zugang geschlechtliche wie gesellschaftliche Zusammenhänge hinterfragt und offen kritisiert, und sie Themen wie Hierarchien, Sexualität und Gewalt in ihren Arbeiten - in den Medien Fotografie, Film, Zeichnung oder Installation - zum Ausdruck bringt. Wobei sich ihre Werkzyklen, neben der notwendigen aufrüttelnden Provokation, auch dadurch auszeichnen und hervorstechen, eine originäre ironische Handschrift aufzuweisen.

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Spätes Rampenlicht

Weibliche Ironie, Intelligenz und Provokation kamen nicht so gut an, bei den Machos im österreichischen Kunstbetrieb. Daher ähnelte ihr Schicksal dem anderer Künstlerinnen wie unter anderen Maria Lassnig, Kiki Kogelnik oder Birgit Jürgenssen - sie waren zwar irgendwie mit Ausstellungen präsent, aber ein nachhaltiger Durchbruch kam sehr oder zu spät.

Bei Renate Bertlmann war es vor allem die Sammlung Verbund, hier hauptsächlich deren Leiterin Gabriele Schor, die sie mit Ausstellungen und Katalogen seit 2010 ins internationale Rampenlicht führte. Nach dem Österreichischen Staatspreis 2017 ist nun Venedig die nächste Station zur längst fälligen Anerkennung der Künstlerin. Gemeinsam mit der Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein hat sie ein Ausstellungskonzept entwickelt, dass auf vier Säulen basiert.

Renate Bertlmanns Präsentation firmiert unter dem schon eingangs erwähnten Titel. Empfangen wird der Besucher des Pavillons jedoch mit dem älteren, aus den 1980er-Jahren stammenden Titel "Amo ergo sum" ("Ich liebe, also bin ich"). Der Schriftzug ist einer überdimensionierten Signatur gleich vor den Hoffmann’schen Pavillon platziert. Warum das Statement nicht als Titel verwendet wurde, erschließt sich, bis darauf, dass er von der Künstlerin bereits verwendet wurde, dem Besucher nicht. Renate Bertlmann prägte den Ausspruch in einer Zeit, als es ihr mit der Rezeption ihrer Kunst nicht gut gegangen ist und sie kaum Ausstellungen hatte. Für sie war es die Liebe mit allen ihren Widersprüchen, die sie motivierten, mit ihrer Kunst weiterzumachen. Dieser Widerspruch wird jetzt wahrscheinlich im Titel der Ausstellung angedeutet.