Es ist ein Fluch. Unbestritten. Das Scheitern der Kuratoren an der großen Kunstausstellung anlässlich der Biennale in Venedig hat System. Auch in diesem Jahr scheitert Kurator Ralph Rugoff, Direktor der Londoner Hayward Gallery, an der ihm anvertrauten Aufgabe. Wahrscheinlich geht es auch nicht anders, denn das künstlerische Angebot wird immer unübersichtlicher. Unterschiedlichste zeitgenössische Kunstszenen poppen im Monatsrhythmus rund um den Erdball auf und verlangen nach Aufmerksamkeit. In der Situation muss sich ein neugieriger Kurator wie in einem künstlerischen Schlaraffenland fühlen - er kann aus einer ungeahnten, kreativen Fülle auswählen und zusammenmischen. Wenn es jedoch zu viel des Guten wird, dann schmeckt das Ergebnis in der Kunst anders als im wirklichen Leben - die Bauchschmerzen hat der Besucher auszulöffeln, wenn er gezwungen ist, sich durch den maßlos überfüllten, schwer in Zusammenhang zu bringenden Biennale-Pavillon kämpfen muss.

Kitsch und Brisanz

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Zumindest in einer Sache hat Rugoff Ironie bewiesen. Er hat die Ausstellung mit 79 Künstlerinnen und Künstlern mit dem chinesischen Fluch betitelt "May you live in interesting times". Stimmt schon, die Zeiten sind ausgesprochen interessant, fast zu viel davon - in Kunst wie in Politik und Gesellschaft. Selbstverständlich entdeckt der Besucher unglaublich tolle, unvergessliche Positionen. Diese aber eher in der Fortsetzung der Ausstellung in den großzügigen Hallen des Arsenals. Wie die großformatigen, atemberaubenden Porträt-Fotografien der Südafrikanerin Zanele Muholi. Oder die Malerei des Kenianers Michael Armitage, die brisante gesellschaftliche Ereignisse durch Farbwahl und Duktus in eine originäre, unverwechselbare Sprache übersetzt. Oder die Assemblagen zu unterschiedlichen Begriffen wie Liebe von Lara Favretto: eine herausfordernde, detailreiche Installation. Wenn man die Hintergründe entziffert hat, offenbart sich eine liebenswert-nerdige Arbeit. Der französische Künstler Cyprien Gaillard setzt mit seiner Arbeit "L’Ánge du foyer" (nach dem Feuerengel von Max Ernst) auf die Technik des Hologramms. Man beobachtet anfangs fasziniert den wild im Raum tanzenden Engel, jedoch danach bleibt eher das Kitsch-Aroma haften. Die in Äthiopien geborene Julie Mehretu ist mit Arbeiten aus ihrem neuen Werkzyklus vertreten: packend, weg von den architektonischen Grundstrukturen, der ungezähmte Pinselstrich herrscht vor. Bei Mehretu, die nur wenige Arbeiten pro Jahr "veröffentlicht", kommt man unweigerlich ins Grübeln, ob Selbstbeschränkung bei der Weitergabe von Werken nicht doch ein gangbarer Weg wäre, um mit weniger zweitklassische Arbeiten konfrontiert zu werden. Wenn man sich dann vor Augen führt, dass etwa im Fall von Mehretus Arbeiten bis zu drei Millionen Euro bezahlt werden, relativiert sich der arrogante Ansatz wieder.

Brücken sind in Venedig nichts Besonderes, diese von Lorenzo Quinn schon: Skulptur-Installation im Arsenale. - © afp/Tiziana Fabi
Brücken sind in Venedig nichts Besonderes, diese von Lorenzo Quinn schon: Skulptur-Installation im Arsenale. - © afp/Tiziana Fabi