Rugoffs Präsentation zeigt wieder einmal, dass die Globalisierung der Kunstwelt von jedem Kunstliebhaber proaktive Informationsbeschaffung und Weiterbildung verlangt. Es wird zu einem Umdenken in der seit Ende des Zweiten Weltkriegs vorherrschenden US-westeuropäischen Hegemonie im Kunstkanon kommen. Aber es ist noch ein weiter Weg zu beschreiten. Deswegen sollten sich Kuratoren, sei es bei der Venedig-Biennale oder der Documenta, vorerst auf Appetithappen konzentrieren, als mit einem undefinierbaren Kunsteintopf vorgefestigte Klischees zu zementieren.

Wie eine solche stringente Vermittlungsarbeit funktionieren kann, ist im indischen Länderpavillon im Arsenal zu sehen. Beim Eintreten in den halbdunklen Raum glaubt sich der Besucher zuerst in ein indisches Heimatmuseum versetzt - viel Kunsthandwerk und historische Bilder an den Wänden. Bis man erkennt, dass sich - anlässlich Gandhis 150. Geburtstag - verschiedene zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler mit Tradition und Gegenwart auseinandersetzen und sie durch Kollagen, Fotografien, Skulpturen und Videos aktuell interpretieren. Dadurch erfährt man ungemein viel aus beiden Ebenen. Besonders ergreifend ist die Video-Installation von Jitish Kallat, die in einem dunklen Raum durch eine Nebelwand einen Brief aus dem Jahr 1939 - kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs - von Gandhi an Adolf Hitler projiziert, indem Gandhi um Frieden bittet. Die gewählte Begrüßung Gandhis: "Dear Friend!" Ganz großes Kino!

Da zuvor Kunsthandwerk angesprochen wurde: Die im Pavillon der USA vom Künstler Martin Puryear gezeigten Skulpturen sind bestenfalls als Kunsthandwerk auf Landesliganiveau zu bezeichnen. Irgendwie tut einem der Künstler leid, der erst nach langen Diskussionen mit der Trump-Administration, die den schon geringen Kunstetat nochmals zusammengestrichen hat, zum Zuge kam.

In der Schreikammer

Ob vermasselte Länderpräsentationen mit aktuellen Regierungen in den jeweiligen Staaten korrelieren? Besucht man - nach den USA - die nahen Pavillons von Israel und Russland, dann liegt der Verdacht nahe. Bei Israel ist es Aya Ben Ron, die ein Feldhospiz eingerichtet hat, in dem der Besucher verschiedene Stationen zu durchlaufen hat. Anmeldung mit Nummer, dann dreiminütiger Aufenthalt in einer schallisolierten Schreikammer und unterschiedliche Videos auf einem Untersuchungsstuhl. Bei den fünfminütigen Videos sieht man unter anderem einen masturbierenden Palästinenser mit Schafmaske, der am Ende in die Kamera spuckt. Als Protest gegen die Politik Israels. Danach können noch Gegenmeinungen von Experten, die eher Knallchargenfunktion haben, angehört werden. Eine Installation, die voll in die Hose geht und unglaublich spekulativ bis reaktionär ist. Man würde sich wünschen, dass die Schreikammer nach dem Video kommt - da hätte man echt genug Grund dafür. Bei Russland sind es unreflektierte, künstlerische Allmachtsfantasien von Alexander Sokurov und Alexander Shishkin-Hokusai zwischen schmachtenden Künstlerleben und einem tanzenden Comicstrip-Cabaret.

Derartige Missgriffe geraten durch ausgezeichnete und überaus sehenswerte Präsentationen wieder in Vergessenheit: Wie beim französischen Pavillon, in dem die Künstlerin Laure Prouvost ein gelungenes Setting zwischen Trashkultur und Gesellschaftskritik inszeniert. Brasilien setzt mit der packenden Videoinstallation "Swinguerra" von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca auf die Kombination von Tanz und sozialem Engagement. Die Truppe aus Recife aus Männern, Frauen, Transgender, dick und dünn fesselt durch die Musik und greifbare Texte, und erreicht damit fast spielerisch ein weites Publikum. Etwas geruhsamer, ebenfalls mit Sound, um nichts weniger prägend, präsentiert sich der australische Pavillon: Die Musik-Video-Installation von Angelica Mesiti überzeugt durch ihre ruhige Intensität, die Besucher in einem gepolsterten, an ein Amphitheater erinnernden Umfeld genießen können. Als quasi krönenden Abschluss empfiehlt sich die Ausstellung von Stanislav Kolibal im tschechischen und slowakischen Pavillon: Die von Dieter Bogner kuratierte Schau wird zum unvergesslichen Moment, wenn der 1925 geborene Künstler seine konstruktivistischen, reduzierten Bilderwelten zum Leben erweckt. Einfach ganz toll!