Geerdete Wolke: nämlich eine aus Ton. "Himmel auf Erden" von Gerold Tusch. - © Silvia Steinek Galerie
Geerdete Wolke: nämlich eine aus Ton. "Himmel auf Erden" von Gerold Tusch. - © Silvia Steinek Galerie

Kunst ist die bessere Quantenphysik

(cai) Wer, bitte, ist dieser Prenninger und was ist an seiner Küche so besonders? Oder ist die "Prenninger Küche" irgendein abartiges Gedankenexperiment wie "Schrödingers Katze", nur dass da kein Haustier sowohl tot als auch am Leben ist, solange keiner nachschauen geht, sondern ein Essen womöglich zugleich roh und schon gekocht ist, bis man’s gekostet hat? Falsch. Beim Prenninger handelt es sich ja weniger um einen Quantenphysiker als um einen Steirer. Und eigentlich ist das gar kein Mensch, das ist ein Adjektiv.

Prenning - ein Ort bei Graz. Dort ist der Fritz Panzer einmal am Küchentisch gesessen und hat den Entschluss gefasst: "Na gut, ich zeichne die Küche ab." Was er dann fleißig gemacht hat. Tagtäglich. Bevor er angefangen hat, das zu tun, wofür er heute bekannt ist: nimmer aufs flache Papier zu zeichnen, sondern direkt in den Raum hinein. Mit Draht. In Originalgröße. Banalste Dinge. Lampen, Milchpackerln. Aber begonnen hat’s mit der Küche. Die Ur-Drahtskulptur (2002) steht jetzt in voller Pracht (mit Geschirr in der Abwasch und mit lebendigem Strich, in dem man die virtuose Hand spürt) in der Galerie Krobath. Ist Zeichnung und Skulptur in einem und bleibt in diesem "Katzenzustand", in dem beides überlagert ist, sogar wenn einer hinschaut. (Künstler sind eben anscheinend die besseren Quantenphysiker.)

Vorher muss man bloß an den farbstarken Bildern vom Uwe Henneken vorbei. Gemalte Innenräume. Aber sind Landschaften nicht draußen? Nicht die Seelenlandschaften! Magische Naturvisionen. Rätselhaft. ("Ich kann’s gar nicht wirklich sagen, was zu sehen ist. Oft weiß ich es Jahre später.") Mit Glitzer-Partikeln. Ein bissl kitschig, doch seine Farben hat da einer definitiv im Griff. Eine Küche stiehlt ihm trotzdem die Show.

Dekorieren ist menschlich

(cai) Ist der Gerold Tusch eigentlich ein Tonkünstler? Irgendwie schon. Aber nicht so einer wie der Mozart. Keiner mit Noten. Einer mit - Ton. Ein Keramiker. Seine materialsinnliche Ausstellung in der Galerie Steinek hat er trotzdem "komponiert". Die besteht nämlich aus drei Sätzen. Quasi. Wie eine Sinfonie. Einer ist schwarz, einer sehr rosa, einer silbern: "appassionato - dolce - con spirito." So heißt die Schau auch. (Um darüber zu schreiben, brauch ich jetzt allerdings mehr als drei Sätze.)

Leidenschaftlich, süß und beseelt also. Wobei es der zuckrige Kitsch hier hemmungslos mit der Spiritualität "treibt" und diese verdammt sexy sein kann. Keramik ist eben nicht bloß was zum Abstauben (oder etwas, aus dem man Kaffee trinken kann). Obwohl: Staubfänger sind diese verspielten Objekte ebenfalls. Hm. Ist das Ornament denn noch immer ein Verbrechen (85 Jahre nach dem Tod von Adolf Loos) und verjährt das nie? Oder ist es eh bereits legal? Der Gerold Tusch hat jedenfalls definitiv keine Ornamentphobie. Inspiriert sich gern am Barock und am Rokoko. Damals durfte man dieses menschliche Bedürfnis (das Dekorieren) ja noch ungeniert ausleben. ("Ich frag mich, wieso wir so viel Angst vorm schönen Schein haben. Der tut nicht weh." Okay, dem Loos hat er offenbar schon wehgetan.) Nicht, dass seine Kunst nur oberflächlich wäre. Oder nicht modern.

Gleich zu Beginn: abgründige Erotik. Keramikfrüchte (verbotene?) in aufgehängten schwarzen Strümpfen voller Laufmaschen. Und in der Nacht sind alle Strümpfe schwarz. Keulen? Die Waffen einer Frau? Dafür sind die Prunkvasen "Antoinette" und "Dubarry" mannshoch. Nicht zuletzt, weil sie üppige Perücken tragen. Und dann werden Wolken "geerdet". Sind aus Ton, der ja aus der Erde kommt, oder liegen sogar auf dem Boden. Wie Windringe rahmen die barocken Kringel die Leere, suchen das irdische Paradies, während sie sich unwirklich in Silber hüllen.

Am Ende: rosige Fleischlichkeit. Ein intimes Spiegelkabinett (für Selbstverliebte?). Und überall . . . äh, was überhaupt? Sexspielzeug? Handschmeichler? Tusch: "Form follows function is gut und recht für a Zahnbürste." Zahnbürsten sind das aber echt keine. Ein lustvolles Spiel mit Ambivalenzen, Assoziationen. Und ein überzeugendes Manifest der Sinnenfreude.