Die frühen Schüttbilder, eigentlich als Nebenprodukt aus groß angelegten Aktionen hervorgegangen, sind bei Universalkünstler Hermann Nitsch erst in den 1980er Jahren, parallel zum Boom der neuen wilden Malerei, zu eigenen Werken gewandelt worden.

In der zweiten Werkphase ersetzte die Farbe in flüssigem Zustand das Blut. In pastosem Auftrag, der die Fingerspur der Arbeit sehen lässt, steht das erdige Pigment auch symbolisch für das Fleisch. Kunst und Religion, das Malen als Ritual, zieht sich durch das ganze Werk.

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Auf dem Dachboden in Schloss Prinzendorf entstanden vielteilige Serien, die sich mit Themen wie Kreuzigung und Auferstehung sowie dionysischen Mysterien der Antike auseinandersetzten. In jüngster Zeit widmet er sich zunehmend Empfindungen, die mit Farbe und ihrem explosiven Einsatz auf Leinwand verbunden sind.

Die Schau der Albertina zum 80. Geburtstag wartet tatsächlich mit einer Neuerung auf: Einerseits wird auf die Aspekte der Malerei mehr Wert gelegt, als ihre Teilhabe am Orgien-Mysterien-Theater und den mythischen Zusammenhängen, andererseits werden viele Musikstücke des Künstlers in die Themenräume einbezogen.

Farbe und Ton

Da spielt dann Dionysos auch musikalisch gegen den Gekreuzigten an, eine immer wiederkehrende Themenfusion bei Nitsch. Während der Laufzeit der Ausstellung wird auch eines seiner Streichquartette aufgeführt. So können Besucher Farbe und Ton zusammen auffassen, aber in einem Teil durch die gezeigten Filme auch erahnen, wie alle weiteren Sinne, auch das Riechen und das Schmecken, in seine performative Aufführungspraxis integriert sind.

Mehr Konzentration auf die Qualitäten des Malens lässt besser verstehen, dass die 15 gezeigten Serien, um die auch die Ausstellungsarchitektur gebaut wurde, alle Aspekte der abstrakten Malerei seit 1945 aufrollen: Aus dem Schüttbild und den performativen Zufallsrelikten wurden Bodenbilder, Bilder mit Fingerspuren, stark farbige Rinnbilder, die "Kathedrale der Farben" als 56. Malaktion 2009 und seit 1989 bis ins vorige Jahr entstandene "Springbrunnenbilder", bei denen eine Bildcollage mit dem seit 1986 mit verwendeten Malhemden wichtig ist. Die Malhemden sind vom Künstler selbst und den Mitwirkenden getragene, und später auf einem Stab über die Leinwand gehängte Zeugen des Prozesshaften. Worauf es Nitsch dabei ankommt: Die Gewänder sollen mit Schweiß, Blut und Farbe getränkt, voll Hand- und Fußspuren der Akteure sein.

Die Relikte, Bahren, Messgewänder, Kelche, Wachscollagen, Gipse und Papierarbeiten sind zugunsten des Malerischen weggelassen, die Räume wirken daher allein durch die Farbe, die sich hier wohl über Kilometer von Leinwänden zieht, was der Schau ihren stimmigen Titel gibt. Die informellen Qualitäten stehen im Vordergrund, denn Nitsch ist einer der wesentlichen Vertreter österreichischer Malerei, der körperlich-physischen Richtung. Er nannte es in der Frühzeit "existenzsakral", die sich dominant gegenüber den Konkreten erwies. Mit der asketischen Konstruktion, Geometrie und mathematisch-wissenschaftlichen Richtung in der Nachkriegszeit sind nur seine Farbschemata und Partituren verbunden, es gibt das zwar in Nitschs Werk, doch darauf wurde, wie auf die Relikte und Fotos des Orgien-Mysterien-Theaters, verzichtet.