Die "Welt als Labyrinth" lautete 1957 der Titel von Gustav René Hockes Buch über Vergleiche der Spätrenaissance mit der damaligen Gegenwartskunst der Op Art. In der Folge haben Werner Hofmann und Umberto Eco die verbindenden Aspekte des Antiklassischen durch die Epochen weiter betrachtet. Immer ging es um die aktiv einbezogene Betrachtung, wobei nicht nur der Geist und der reine Sehsinn, sondern auch die körperliche Erfahrung durch die teils massiv das Auge täuschenden Kunstwerke angesprochen werden.

Wie in Alfred Hitchcocks Film "Vertigo", lösen laufenden Spiralen einen körperlichen Dreh-
und damit Schwindeleffekt aus. Die Künstler der Op Art erkannten darin auch ein zutiefst demokratisches Prinzip, weshalb sie ihre Werke zwar nummerier-
ten, aber nicht signierten, denn die Botschaft war program-
matisch - man trat gegen die
Erzählung und psychischen Subjektivismus der informellen Malerei auf.

Täuschende Seherfahrungen

Kuratorin Eva Badura-Triska hat sich mit dem Künstler Markus Wörgötter auf die Spuren in die Vergangenheit von täuschenden Seherfahrungen einerseits und die Erkundung eines breiten Phänomens gemacht, das zwar in Italien und Süddeutschland große Beachtung fand, in Österreich aber immer Stiefkind der Kunstentwicklung blieb. Und das obwohl Marc Adrian, Helga Philipp und andere starke Akzente setzten, sich aber trotz Hofmanns Schau "Kinetika" 1967 im Museum des 20. Jahrhunderts nicht gegen die Dominanz von Informel und Wiener Aktionismus durchsetzen konnten.

Durch die jahrzehntelange Betreuung des Aktionismus im Museum entdeckte Badura Ähnlichkeiten der Op Art im teils extremen Angriff auf die Sinne der Betrachter, das kann nun auf zwei Ebenen in der Schau "Vertigo" erfahren werden.

Das Ausstellungsdisplay versucht, die Form des Labyrinths aufzunehmen, damit Besucher die besonderen Erfahrungsräume, die schon in den späten 1960er Jahren mit aufwendigen Lichtinstallationen, durch Motoren angetriebene Metallteile, Laser und Spiegel - etwa eines Julio Le Parc, Adolphe Luther, Gianni Colombo oder Gabriele Devecchi - mit Verwirrung verlassen, weil der normale Parcours zusätzlich durch tote Gänge gestört wird.

Die Kunst als optische Kur

Philipp ließ sich auf der Biennale in Venedig durch Jesús Rafael Soto und Bridget Riley inspirieren, doch auch Adrians und Kurt Krens experimenteller Formalfilm spielte eine große Rolle. Wörgötter konfrontiert ein Großformat von Richard Anuszkiewicz mit den bifokalen Sichtachsen in den Stichen Giovanni Battista Piranesis; auch Parmigianino, Desiderio Monsù und Athanasius Kircher tauchen - neben Erika Giovanna Klien oder Viktor Vasarely - auf.

Der Betrachtung der vielen wunderbaren Objekte aus der Sammlung Werner Nekes zur Anamorphose, dem optischen Spiel der alten Meister, folgt
hier nach bewegenden körperlichen Neuerfahrungen die Erkenntnis, dass die Op Art der vorweggenommene Manierismus der viel klassischeren Minimal Art ist oder auch, dass sie der Manierismus der konkreten Kunst ist. Doch Vorsicht: Die Kunst als optische Kur soll aber auch schon epileptische Anfälle ausgelöst haben.