Welche Farbe hat ein Loch?

(cai) In der Nacht sind zwar alle Farben grau (solange keiner das Licht anmacht), was aber ziemlich wurscht ist, weil das GPLcontemporary sowieso nicht offen hat, wenn es draußen schon finster ist.

Farben spielen beim Jürgen Paas jedenfalls eine große Rolle. Oder eigentlich verschieden große Rollen. Und die schauen aus wie alte Filmrollen. Nur bunter. Mit Farben kann man schließlich nicht bloß malen, man kann sie auch aufwickeln, bevor man sie an die Wand hängt. Zumindest wenn es sich um industriell durchgefärbte PVC-Bänder aus der Möbelindustrie handelt (für Tisch- und Regalkanten). Das Ende ist verlockend lose, und es hat mich echt in den Fingern gejuckt, daran zu ziehen. Eine Falle? Grad noch so hab ich mich beherrschen können. Wieso? Was wäre denn sonst passiert? Hätte ich den Bandsalat kaufen müssen? I wo. Angeblich hätte ich eh keinen einzigen Meter abrollen können. Das muss ich dem Künstler jetzt nur noch glauben.

Film: bewegte Bilder. Und die Rollen scheinen ja zu rotieren. Farbfilme mit hypnotisierender Handlung also. Mit Streifenmustern etwa ("Targets"). Farben sind außerdem musikalisch. Vor den Lamellenbildern der Serie mit dem klangvollen Titel "Jukebox" kann man gar nicht anders, als sich zu bewegen. Zu den Farbtönen quasi zu tanzen. Dann errötet zum Beispiel ein Farbenchaos allmählich. Und wer sich ein bissl ausruhen will, lässt seinen Blick einfach in ein Loch fallen. Nein, in einen Stapel von papierdünnen Löchern. Während die Farben um die Leere kreisen. Paas hat sich nämlich in ein Buch "vertieft", in die leeren, bunten Seiten exzentrische Kreise reingeschnitten. Schichtenmalerei einmal anders. (Ist eine leere Seite überhaupt noch leer, wenn ein Loch drin ist?) Verspielte Materialmalerei, die durch ihre Präzision besticht und . . . na ja, gut aussieht.

Eins durch zwei ist doppelt so viel

(cai) Zwei Künstler teilen sich eine Ausstellung. Wie viele Ausstellungen bleiben dann also für jeden übrig? Eine halbe oder trotzdem eine ganze? In der Lukas Feichtner Galerie haben der Richard Kaplenig und der Till Augustin diese Rechenaufgabe jedenfalls sehr elegant gelöst: Der eine kriegt einfach die Wände, der andere den Platz dazwischen. Denn der eine malt Bilder, der andere haut sie.

Nicht, dass Bildhauer wirklich Bilder verdreschen würden. Der Till Augustin ist allerdings auch nicht gerade zimperlich. Er behandelt Glas wie andere Stein. Geht sogar mit dem Pressluftmeißel darauf los. Und mit der Flex. Auf massive Verbundglasblöcke. Erschafft geheimnisvolle Objekte. Pur oder mit sinnlicher Patina und nie mit unpersönlicher Oberfläche. Wie der weiße und der schwarze Schwan kontemplieren sein klarer "Ice Cube" und der düster metallische "Dark Cube" nebeneinander. Das analytisch hineingesägte Raster suggeriert, beide wären selber aus 133 Würfelchen gebaut. Oh, ein Spalt, in den sich der Blick reinzwängen kann! (Der Betrachter ist bekanntlich ein Voyeur.) Mit dem Spitzentanz wird’s vielleicht nix, doch Hebefiguren wären noch drin. Obwohl Glas in etwa dasselbe spezifische Gewicht wie Beton hat. Zum Rosten bringt der Künstler es gar, panzert es mit einer pittoresken Korrosionsschicht. Zerbrechlichkeit unter einer rauen Schale. Mit Stahlseilen hantiert er genauso geschickt. Übersetzt mit viel Schweiß (und Schweißen) die Action der Laokoon-Gruppe in einen dramatischen Gordischen Knoten. Einen andern Megaknoten seziert er. Entnimmt dem Chaos das Herz. Und das ist: ein Würfel!

Und welche Kunststücke kann der Richard Kaplenig? Ölfarbe in Metall, Glas und Gummi verwandeln. Und aus grauen Mäusen stattliche Elefanten machen. Der zeigt uns, wie sexy die in Wahrheit sind. Macht kleine Schrauben oder Benzinhähne zu großen Bühnen- beziehungsweise Leinwandstars. Tatsächlich erinnert seine seelenvolle Malerei (romantische Sachlichkeit?) ein bissl an die Ehrengalerie im Burgtheater. Porträts. Eindeutig. Ein Fleischwolfmesser hat plötzlich was von einer Nazi-Architektur. Kaplenig: "Und dann steht a noch ,Germany‘ oben." (Faschiertes darf man aber schon noch essen. Das kommt eh nicht von Faschismus.) Geteilte Ausstellung ist doppeltes Vergnügen.