Wien. Wie lernt eine Maschine, worum die Welt sich dreht? In seiner Videoinstallation "Behold These Glorious Times!" zeigt der US-Fotokünstler Trevor Paglen, hunderttausende Bilder, mit denen neuronale Netze trainiert werden. Menschen, die laufen, lachen, springen, geben, nehmen, essen, einander umarmen, vor Abscheu das Gesicht verziehen.

Irgendwann hat der Algorithmus so viele Bilder gespeichert, dass er sie erkennt, interpretiert, weiterdenkt und - das ist das Ziel - auf eigenständige Weise reagiert. In ihrer immer schnelleren Abfolge wirken die Fotos wie ein Requiem auf eine Menschheit, die einst lachte, aß, sich liebte und bekriegte. Doch auch weil sie veranschaulicht, wie wir Menschen versuchen, Maschinen Intelligenz zu lehren, zählt Paglens Arbeit zu den Höhepunkten von "Uncanny Values" (Unheimliche Werte), der Hauptausstellung der "Vienna Biennale for Change" 2019.

Unter dem Titel "Schöne neue Werte: Unsere Digitale Welt gestalten", eröffnete die Schau, die Kunst, Design und Architektur heuer zum dritten Mal zusammenführt, am Dienstagabend im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK). Neun Ausstellungen in ganz Wien beleuchten bis 6. Oktober Positionen zu der Art und Weise, wie wir die digitale Zukunft gestalten wollen. Die Vienna Biennale beleuchte "das magische Dreieck der Zukunftsherausforderungen", sagte MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein vor Journalisten am Dienstag. Künstliche Intelligenz, Klimawandel und Soziale Nachhaltigkeit seien jene Themen, die alles dominieren. "Wie stellen wir sicher, dass diese digitale Moderne eine ökosoziale ist? Wie kann Technologie helfen, den ökologischen Fußabdruck zu verringern?", umriss Thun-Hohenstein Fragen, in die sich Künste, Design und Architektur unbedingt rechtzeitig einmischen müssten. Dabei gehe es durchaus um Themen, die Angst machen.

Unheimliches Tal des Ähnlichen

An Fäden von der Decke hängend, blicken 30 Gesichter, die zugleich plastisch und zweidimensional wirken, die Betrachterin an. Oder durch sie hindurch? Jedes Gesicht ist anders und doch wirken sie alle gleich. "Probably Chelsea" heißt die Skulptur von Heather Dewey-Hagborg. Aus einer DNA-Analyse der Whistleblowerin Chelsea Manning haben Algorithmen 30 möglichen Chelsea-Gesichter berechnet. Treffsicher thematisiert das Kunstwerk das Unheimliche am allzu Menschenähnlichen. Während man zunächst annehmen könnte, dass der Homo sapiens ihm dargebotene Avatare umso mehr akzeptiert, je fotorealistischer sie gestaltet sind, zeigt die Praxis, dass dies nicht der Fall ist. Menschen finden abstrakte Figuren mitunter sympathischer als solche, die wie sie selbst aussehen. Der japanische Robotiker Masahiro Mori nennt dies das "Phänomen des unheimlichen Tals": Maschinen in unserem Ebenbild, die selbst denken, lernen und gestalten, machen Angst.