Wie dehnbar der Begriff Ausstellung ist, davon kann man sich dieser Tage im Künstlerhaus 1050 überzeugen. Im Rahmen von "Haben und Brauchen in Wien" wird genäht, gekocht, gegessen und irgendetwas mit Kunst gemacht.

Das weitläufige Ausweichquartier des Wiener Künstlerhauses, das wegen Generalrenovierung bis auf Weiteres geschlossen ist, befindet sich in der Stolberggasse 26 in Wien-Margareten und wird bis 22. Juni von 60 Künstlerinitiativen bespielt. Das Künstlerhaus 1050 wird für die Dauer der Ausstellung Atelier und Bühne, Gemeinschaftsküche und Salon.

Was die vielfältigen Unternehmungen eint, ist die Frage nach den Bedingungen, unter denen Kunst in Wien produziert wird. Die "Wiener Zeitung" traf Tim Voss, seit Februar 2018 künstlerischer Leiter des Künstlerhauses.

"Wiener Zeitung:Was braucht die Kunst denn in Wien?

Tim Voss: Nur wenige Künstler können wirklich gut von ihrer Kunst leben, viele arbeiten unter prekären Bedingungen. Trotzdem werden junge Künstler ausgebildet, die in keinster Weise auf die Realität vorbereitet sind, die sie nach dem Studium erwartet. Es ist höchst an der Zeit, Arbeits- und Produktionsbedingungen aufzuzeigen und längst überfällige Verbesserungen durchzusetzen.

Das Schlagwort "fair pay", faire Bezahlung, ist derzeit in vieler Munde.

Das trifft genau den Nerv. Das Thema Künstlerhonorare und -sozialversicherung muss in Wien endlich ernsthaft diskutiert werden. Außerdem unterstützen wir eine Kampagne der IG Bildenden Kunst, die sich dagegen wehrt, dass man von bestimmten Bundes-Stipendien ausgeschlossen wird, sobald man ein Kind hat. Weiters setzen wir uns für die temporäre Nutzung von Leerflächen ein. In vielen Städten profitieren Künstler von der Zwischennutzung freistehender Gewerbeflächen, in Wien findet das praktisch nicht statt, dabei sind Studios und Proberäume hier ziemlich teuer. Aber es ist schwer, mit einer Stimme zu sprechen, da die Arbeitsbedingungen innerhalb der Sparten sehr unterschiedlich sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Während Performer aus der darstellenden Kunst in der Regel Probenhonorare und Abendgagen erhalten, sind Performer aus der bildenden Kunst schon froh, wenn sie ein Freigetränk bei der Vernissage bekommen.

Wieso gibt es so einen Unterschied?

Die darstellenden Künstler orientieren sich mit ihren Honorar-Forderungen eher an den institutionalisierten Theaterbetrieben, während die bildenden Künstler wesentlich stärker dem freien Markt unterworfen sind. Historisch gesehen, war die Bindung an den freien Markt eine Zeit lang sogar ein Erfolgsmodell: Die Künstler operierten völlig unabhängig, Einnahmen wurden über Stipendien und Verkäufe lukriert. Dieses Modell funktioniert aber längst nicht mehr.

Warum denn nicht?

Es gibt schlichtweg zu viele Künstler, die um zu wenig Ressourcen rittern. Außerdem hat sich die Funktion von Kunst verändert - viele Künstler sind heute etwa in sozialen Bereichen und in Stadtentwicklungsprozessen verankert. Die Berufsfelder haben sich enorm erweitert. Man muss darauf gefasst sein, sich auch als Künstler vermehrt unternehmerische Fragen zu stellen.

Sollten wirtschaftliche Grundkenntnisse in der künstlerischen Ausbildung verankert sein?

Ich will der Kunstausbildung ihren Idealismus nicht rauben, aber Künstler, die professionelle Projekteinreichungen mit realistischen Kostenkalkulationen vorlegen können, sind später klar im Vorteil. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen.

Fließt zu viel Geld in den Erhalt von Einrichtungen, bleibt zu wenig für die ausübenden Künstler?

Das ist relativ, auch Kultureinrichtungen operieren zunehmend innerhalb prekärer Strukturen. Ich finde, dass Kulturinstitutionen sich in Zukunft neu formatieren werden müssen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir Ausstellungen neu denken können. Grenzen zwischen den Genres und Gattungen weichen auf, wir müssen uns fragen, wie wir dem gerecht werden können. Gerade Kultureinrichtungen mit langer Tradition werden nicht umhinkommen, durchlässiger zu werden.

Was erleben Besucher der Ausstellung "Haben und Brauchen in Wien"?

Im Grunde stellen wir Künstlergruppen zeitlich begrenzt Probe-, Arbeits- und Ausstellungsräume zur Verfügung, die bespielt werden können. Im Zentrum steht die Community-Kitchen, von Donnerstag bis Samstag trifft man sich in der Küche, der Freitagabend steht ganz im Zeichen des Kochens, zwei Teams kochen, führen Gespräche über Kunst und Gesellschaft, die für Radio Orange aufgezeichnet werden, abschließend wird gemeinsam gegessen. Es ist ein Ort der Begegnung.