Die Kooperation mit dem Münchner Haus der Kunst und dem finnischen Sara Hildén Arts Museum hat etwa 60 Werke und Werkgruppen der Amerikanerin Kiki Smith (geboren 1954 in Nürnberg) im Gepäck. Da es ihr zweiter Auftritt in Wien ist nach "Silent Work" 1992 im MAK, bietet sich eine Wanderung vor allem durch die letzten drei Jahrzehnte ihres Schaffens an.

Und doch hat diese "Summa", wie Kuratorin Petra Giloy-Hirtz ihre Auswahl in Bezug auf Affinitäten der Künstlerin zum Mittelalter nennt, noch ein anderer auf den Weg gebracht, wie durch Vorwort im und Widmung des Katalogs ersichtlich: Okwui Enwezor (1963-2019). Enwezor steht für den erweiterten methodischen Blick, weg von rein westlicher maskuliner Besetzung der Kunstszene zu einer differenzierten Sicht, die selbst den disparaten Zustand der postfeministischen Theorie einschließt, da Smith mindesten drei Phasen mit Forderungen der Künstlerinnen von der Body Art über Aktivismus in Kollaborationen, aber auch umstrittenen Fragen wie "weiblicher Ästhetik" und "kultureller Feminismus" mit ihrem Werk abgehandelt hat.

Traumhafte Tapisserien: Kiki Smith, "Sky", 2011. - © Smith/Pace Gallery
Traumhafte Tapisserien: Kiki Smith, "Sky", 2011. - © Smith/Pace Gallery

Kunst rettet Welt

Die Behauptung eines historischen Matriarchats, zu dem es gilt zurückzufinden, um die Welt durch Kunst zu retten, weg vom einseitig kalten Intellekt, ist jedoch für Smith nicht so interessant wie für Joseph Beuys, mit dem sie zwar die Thematik der urzeitlichen Mensch-Tier-Beziehung teilt, aber ihre kleinen Göttinnen sind auch Kritik an naturkundlicher Hierarchie.

Kiki Smith, Digestive System, 1988. - © Kiki SmithPace Gallery
Kiki Smith, Digestive System, 1988. - © Kiki SmithPace Gallery

In einem nicht chronologisch geordneten Parcours übernimmt sie zwar von Nancy Spero weibliche Aspekte bis zurück in die Prähistorie, es geht um die Tiermutter, Seelenvögel und Schmetterlinge. Ihre nackten Frauen werden jedoch fragmentiert, nicht idealisiert und zeigen mit ihren vielen Hinweisen auf die Körpersäfte auch das Abjekte, Tabus von Sexualität und sozialen Praktiken der Übergangsriten vom Leben zum Tod (Rites de passage, 1909 von Arnold von Gennep beschrieben). Da wandelt sich schon im ersten Raum eine Brustform in den Schild eines Kriegers, und erinnert wie die kanopenartigen Gefäße für Körpersäfte oder die vielen Anspielungen auf Traumata der Geburt an einen individuellen Kosmos quer durch die Kunstgeschichte von der Höhlenzeichnung an. Die Bilder mit Figuren, Tieren, Bäumen, Himmel, Sterne, zuweilen nächtlichen Spinnennetzen, die im Schilf sichtbar werden sind in Tapisserien umgesetzt und mit der Geburt von Frauen aus Hirsch und Wolf kombiniert.

Traumhaftigkeit

Die Materialfrage darf bei Smith nicht ausgelassen werden, denn es kommt fragil wirkendes Papier zu Wachs, Keramik, Bronze und Glas, Haare sind so wichtig wie Puppenmodelle, Textil und Hautbälge, die ähnlich Louise Bourgeois, Robert Gober, Berlinde de Bruyckere und Katharina Fritsch die Fragmentierung einzelner Glieder in Tischvitrinen und am Boden bevorzugt.

Aus einer Künstlerfamilie stammend, hat Smith nicht nur die Aidstoten der 1980er Jahre, sondern auch verstorbene Familienmitglieder (in dem Fall durch Totenmasken) verewigt. Der Erinnerungsfaktor von Kunst weitet sich sogar auf 27 Krähen von New Jersey aus, die durch ein Pestizid tot vom Himmel fielen.

Als Wolfsfrau ist Smith der Totemtheorie von Sigmund Freud so nahe wie dem ganzheitlichen Körperdenken, das seit Baruch de Spinoza pantheistisch über die affekthafte Trennung von Körper und Geist verhandelt. Die Traumhaftigkeit mancher Tapisserie erinnert an die sensiblen Weltempfindungen und Materialfragen eines Anselm Kiefer, doch ist die Künstlerin mit Werken der Generation Barnett Newman, Jackson Pollock und Mark Rothko, sowie mit einem Bildhauervater aus der Phase des Minimalismus groß geworden. Diese Sphären hat sie vor allem auf den riesigen Papieren weit hinter sich gelassen und überwunden.