Sean Scully feiert sein spätes Vaterglück mit Bildern seines Sohnes, deren Farbigkeit von einer neuen Empfindung im uvre des irischen Malers kündet. - © Sean Scully
Sean Scully feiert sein spätes Vaterglück mit Bildern seines Sohnes, deren Farbigkeit von einer neuen Empfindung im uvre des irischen Malers kündet. - © Sean Scully

Wer Sean Scullys geometrisch-abstrakte Gemälde kennt, die als malerische Variante der amerikanischen Hard Edge-Malerei bekannt sind, bei der verschiedene Grauabstufungen mit Ocker subtile Streifen und Felder bilden, wird über die Serie "Eleuthera" erstaunt sein. Zwar ist die expressive Handschrift des 1945 in Dublin geborenen und in London aufgewachsenen ehemaligen Schriftsetzers, Tankwarts und Arbeiters in einer Kartonagenfabrik gut erkennbar, aber die in den Jahren 2015-2017 entstandene Serie hat eine völlig andere Farbigkeit: starkes Rot, Grün, Gelb zuweilen sogar dunkles Blau und Rosa. Spontan auf Aluminium aufgetragen, bliebt das ölige Malmittel glänzend mit opak wirkenden Pigmenten an der Oberfläche stehen. Die sonst vorhandene Transparenz seiner Gemälde fehlt.

Reflexionen der klassischen Moderne

Was zuerst als eine kleine intime Bildergruppe über seinen am Strand spielenden Sohn gedacht war, forderte den Künstler immer weiter heraus, denn es führte ihn in gegenständliche Anfänge seiner Studienzeit zurück, vor allem aber kam seine Begeisterung für Maler der klassischen Moderne wie Henri Matisse und Vincent van Gogh wieder, man könnte auch Paul Gauguin nennen bei der Helle der Farben, die dem Licht in der Karibik geschuldet ist.

Jedes Jahr fährt der Künstler mit seiner Familie von Amerika oder Berlin aus, wo er heute lebt, dorthin auf Urlaub. Auch wenn die teils großformatigen, etwa 25 Gemälde neben einigen Zeichnungen und Ölkreideblättern, vor allem nach Fotos im Atelier entstanden sind, ist die gleißende Sonneneinstrahlung auch gut nachvollziehbar durch die Kleidung, die Sohn Oisín nebst einem Hut zum Schutz tragen muss. Die Insel Eleuthera gehört zu den Bahamas, ist ein touristisch wenig frequentierter Ort, so sind auf den Handyfotos Scullys kaum andere Menschen zu sehen.

Ein Geschenk für die Albertina

Nachdem Scully selbst eine sehr schwere Kindheit hatte, kaum Verständnis in seiner Familie für seine Entscheidung zuerst Grafiker und dann Maler zu werden erntete, und als persönliche Katastrophe seinen ersten Sohn durch einen Autounfall verlor, ist die große Freude an seinem späten Vaterglück mit spürbar.

Fotografien waren der Ausgangspunkt für die Serie, die in einem mit Alkoholeinfluss beflügelten Rausch startete. Der Künstler hält sie zusammen und gibt sie nicht auf den Kunstmarkt - ein Gemälde schenkte Scully aber spontan während der Pressekonferenz an die Albertina, die bereits sein gesamtes druckgrafisches Werk, viele Pastelle und Aquarell besitzt. Nach kurzen Überlegungen von diesen typischen abstrakt-geometrischen Werke einige zusätzlich in einem Raum zu zeigen, da es sich um zwei gleichzeitige Modi des Künstlers handelt, blieb Klaus Albrecht Schröder mit Kuratorin Elisabeth Dutz bei der Reduktion auf die Kinderbildnisse als eigenes, emotional aufgeladenes familiäres Genre.

Jedenfalls hat die Beobachtung seines um sich am Meer Wassergräben und Burgen bauenden Sohnes einiges an Emotionen ausgelöst, denn nach der Eleuthera-Serie setzte Scully den Gegensatz von figürlichem und seinem eigentlichen Streifenstil fort, indem er nun Mutter und Kind in einem Madonnen-Zyklus malt. Dieses Archetypische, das die Kinderbildnisse auch ausmacht, die sehr oft in eine Art Spirale als Endlossymbol eingeschrieben sind, verbindet seine zwei Arbeitsweisen wieder, denn auch in Vertikalität und Horizontalität seiner Streifenbilder gibt es die existentiell verstandene Universalität von Leben und Malerei. Mit Naturalismus oder übertragenem Seheindruck hat das nichts zu tun.

Die Emotion der intimen Motivik

Die Aufgabe des entpersönlichten Stils der Minimalisten hatte schon die Stimmung von Scullys geometrischen Werke total verändert. Statt abgeklebt gemalten scharfen Kanten entschied er sich für weiche Übergänge, wie sie bei Mark Rothko eine Generation davor zu finden sind. Trotz einer Art Farbnebel haben auch die abstrakten Werke oft fotografierte Balken und Dachziegel seiner Umgebung als Ausgangspunkt, die Emotion der intimen Motivik und der hohen Farbtemperatur der Kinderbildnisse erreichen diese jedoch naturgemäß nicht.