Schöne Rundungen (links). Und rechts: die Miss Florenz aus der Renaissance. Errós "Simonetta". - © Galerie Hilger/Petur Thomsen, Erro
Schöne Rundungen (links). Und rechts: die Miss Florenz aus der Renaissance. Errós "Simonetta". - © Galerie Hilger/Petur Thomsen, Erro

Das Blaue vom Himmel runtermalen

(cai) Darf man denn nach Picasso überhaupt noch blaue Bilder malen? Ja, warum nicht? Der hat sich die blaue Periode doch schließlich nicht patentieren lassen, oder? Außerdem wäre das Patent sowieso längst abgelaufen. Okay, wäre die andere Periode vom Tom Fleischhauer (1954 - 2011) rosa, könnte man eventuell ein bissl matschkern. Die ist aber grau. (Nicht, dass man die beiden zeitlich sauber trennen könnte.)

"Abenteuer" - der Ausstellungstitel (Galerie Frey) bezieht sich wohl vor allem auf die blauen Arbeiten. Die, in denen die Welt so grau ist wie in Dorothys Kansas (und von denen nicht weniger dahängen als von den blauen), die zeigen ja eher den Alltag (der angeblich grau ist). Frieren die Hektik im öffentlichen Raum schnappschussartig ein. Fußgänger, Touristen, Jogger, Menschenmassen. Leute (und die existieren nur im Plural), die alle ihr anonymstes Gesicht aufgesetzt haben. Impressionistisch aufgelöste urbane Szenen. Berlin, New York, Seoul. Das Licht ist quirlig, flirrt. Unterm grauen Regenbogen ist das Leben (und die Malerei) also offenbar genauso nuancenreich wie unterm bunten. Einmal sickert von unten ein Rot durch. Als wäre die Leinwand errötet, weil der Pinsel sie mit dicken Schmatzern abgebusselt hat.

Und die blauen Bilder? Sind quasi sehnsuchtsblau. Paradiesblau. (In sämtlichen Schattierungen.) Meist tropische Badeidyllen. Und während in der Smaragdstadt des Zauberers von Oz alles grün ist, malt der Fleischhauer hier das Blaue vom Himmel herunter. (Oder vom Meer hinauf. Auf die Palmen.) In der überwältigenden exotischen Landschaft wirken die Alltagsflüchtlinge (Urlauber) mitunter etwas verloren. Wie ausgesetzte Städter. Doch egal ob im Paradies oder zurück in Kansas: Ein Schau-Erlebnis ist dieser lebendige monochrome Pointillismus überall.

Auch in Schwarzweiß treiben sie’s bunt

(cai) "Black and White" - in dieser Ausstellung in der Galerie Hilger geht’s wohl um Hautfarben. Nein, um gar keine Farben. Oder um die unbunten. Denn wenn Erró, eigentlich Guđmundur Guđmundsson (Sohn der Hand Gottes - klingt nach Superwikinger), tatsächlich vollkommen farblose Bilder gemalt hätte, wären die dann nicht unsichtbar? Beziehungsweise leer?

Und das sind sie definitiv nicht. Also leer. Vor lauter Horror vacui (bekanntlich die Angst vor der Leere) bricht da ja sogar schon eine Massenpanik aus. Nur dass eben nicht alle rauswollen, sondern rein (ins Bild). Comicfiguren von Disney bis Manga, Superhelden, fatale Powerfrauen, Popstars, Politiker, die Kunstgeschichte: Mit schier kleptomanischer Sammelwut hamstert der 86-jährige Isländer - alles. Choreografiert es zu einem kreativen Chaos, in dem sich der Blick aber erst einmal zurechtfinden muss (und daran notgedrungen scheitert, selbst wenn einem eine sexy Lady mit dem ausgestreckten Finger zeigt, wo’s langgeht: "This Way!"). Immer wieder schnappt man ein vertrautes Gesicht auf. He, der Donald Duck! Zorro, bist du das? Und die Madonna aus "Like a Virgin"-Tagen trägt ihren legendären "Boy Toy"-Gürtel! Oder man entdeckt einen aktuellen Skandal: ein VW-Logo mit langer Pinocchio-Lügennase (hat er nicht er-funden, sondern wie alles andere ge-funden). Am besten lässt man sich einfach treiben. Erró erschafft ja quasi eine überbevölkerte, reizüberflutete pluralistische Gesellschaft, in der Hoch- und Popkultur, Ost und West wilde Multikulti-Partys feiern. (Oder ist das diese ominöse Globalisierung?)

Nicht, dass die Bilder total bedeutungslos wären. Ohne Sinn. Ist die Kugel neben dem Porträt der Schönheitskönigin der Renaissance (Simonetta Vespucci) vielleicht die Erde? Und drückt sie die alte Welt flach? Weil die Schwerkraft damals endlich wieder gelten durfte in der Kunst? Dass Erró seine gemalten, dichten Collagen "entfärbt" hat, heißt allerdings nicht, dass sie fader geworden wären. Reizloser. Bloß anders. In eine klare, ernstere Ästhetik hat er sie übersetzt. (Inspiriert hat ihn dazu übrigens eine Schau in Wien. Brueghels Söhne haben dort Werke des Vaters Grau in Grau kopiert.) Schwarzweiß ist das neue Bunt. Und Vintage-Grau eh wieder in.