Der Meister der exaltierten Selbstdarstellung steht am Anfang: Egon Schiele ist nicht nur durch Gemälde und Aquarelle der Ausgangspunkt vieler teils exaltierter Selbstbildnisse, die durch ihre psychische Aufgeladenheit bis in die Gegenwartskunst wirken, auch ein neu entdeckter Brief, den er an Josef Hoffmann 1910 schrieb, zeugen von einer fanatischen Überzeugung, künstlerischer Neuerer zu sein. Er wollte durchstarten in Wien mit der Neukunstgruppe, in der er allerdings nur "Paris von Gütersloh, Kalvach und Peschka" neben sich in der Galerie Miethke sehen möchte. Dazu beschreibt er die Maskierung des Gesichts gegenüber Gesellschaftsmenschen beispielsweise, aber die im Gegensatz immer bei der Wahrheit bleibenden Gesten der Hände. Kurator Christian Bauer gibt die Frage an uns weiter, welche Wahrheit Schieles teils symbolisch auseinandergespreizten Finger von sich geben.

Die Entdeckung des akademischen Unterrichts bei Anatom Hermann Heller, der als Positivist die Mimik und Gestik mit Masken für jede Seelenregung an die Studierenden vermittelte, ist schon in Bauers Monografie über die Anfänge des Künstlers breiter Raum gewidmet. In der Ausstellung sind die Masken in einem Schaukasten zu sehen und tatsächlich hat diese Anregung aus Medizin und Psychologie auch Oskar Kokoschka erfasst, der noch 1961 über den verrückten und begeisterten Lehrer erzählte. Schiele, Kokoschka und Arnulf Rainer bilden eine erste thematische Trias, der Wolfgang Denk, Erwin Wurm oder Maria Lassnig in ihrem Selbstbildnis als Hund folgen. Die völlige Verwandlung von Jonathan Meese in Klaus Kinski oder Irene Andessner in Marlene Dietrich setzt die Sehnsucht voraus anders zu sein, die christusgleichen Inszenierungen Rainers und Schieles bekommen pointiert die politischen Aufarbeitungen Gottfried Helnweins und Anton Hanaks zur Seite gestellt.

Selbstliebe, Selbsthass, Politisches und die Feministinnen Birgit Jürgenssen und Margot Pilz neben den Revoluzzern Padhi Frieberger, es folgt alles dem Aufruf der Damen "Böse ist besser" und August Wallas göttlichem König, der Satan anbetet und Kaiser Neros Freund ist. Die Moderne wollte nicht "normal" sein, die Verrücktheit führt weiter zu den vervielfachten oder körperlosen Stellvertretern, das sind dann Jacken, Hosen, Häuser oder Puppen. Schön, dass auch Lieselott Beschorners gestrickte Dämonen neben Markus Schinwalds Marionette Eli hängen. Von Adolf Frohner steht hier das "Denkmal für einen Künstler" neben Florentina Pakostas Selbst als Tod, und diese tragische Thematik setzt sich neben dem Gespaltenen "Ich und Ichich" im Forum Frohner mit einer Schau zu Frohner im Bildnis wie Selbstbildnis fort.

Rembrandt und Salome

Natürlich ist ihm neben der Einfügung des Selbst zwischen historischen Gestalten wie Tut-ench-Amun, Rembrandt und Salome der Geschlechterkampf wesentliches Anliegen, Frohner als Adam mit Stöckelschuh in "Gib mir den Schuh Eva" 1970 kommt so kokett daher wie der Voyeur, ein immer wieder kehrendes Thema in seinen Collagen. Doch nicht nur seine Werke sind hier am Wort, Karl Anton Fleck hat viele - nicht zufällig an Francis Bacon erinnernde - zeichnerische Porträt seines Freundes geschaffen. Dabei ist anzunehmen, dass das große Vorbild mitschwingt, Bacon war damals international die führende Figur am Kunstmarkt und seine politische Haltung als Realist wurde von den Aufarbeitungswilligen in Sachen Nationalsozialismus in Österreich hoch eingeschätzt.

In der Fotografie waren es Didi Sattmann und Peter Baum, die nicht nur die Karriere des frühen Biennale-Beiträgers und späteren Professors an der Angewandten verfolgten, sondern auch auf Wunsch seine Lieblingsposen von nachdenklich bis ironisch exaltiert mit der Kamera einfingen. Diese inszenierte Fotografie geht bis zu der Serie des Künstlers mit nacktem Oberkörper, der sein Gesicht ans Fenster drückt und verformt. Wer diese Selbstzerstörung und Deformation zur Quetschskulptur festgehalten hat - oder ob er sich sogar mit Selbstauslöser aufgenommen hat - bleibt sein Geheimnis.