Es hat bei Maria Lassnig gedauert, bis ihr das Gros der heimischen Kunst- und Sammlerszene Anerkennung zollte. Wie haben sich diese Szenen in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Konnte die Provinzialität zugunsten einer Weltoffenheit abgelegt werde?

Teilweise. Lassnigs Werk war einfach zu visionär und war daher vor 30, 40 Jahren noch nicht so zu verstehen. Letztendlich ist sie eine Künstlerin des 21. Jahrhunderts und jetzt ungemein aktuell. Wobei sie nicht nicht Erfolg in Österreich hatte. Sie hatte über die Jahre gute Ausstellungen. Es war halt auch ein unentwegter Kampf gegen die männliche Dominanz. Aber grundsätzlich steht die Kunstszene, gerade in Wien, heute sehr positiv da. In Europa befindet sie sich auf dem aufsteigenden Ast. Wien hat sich zu einer spannenden, vielfältigen Stadt entwickelt, wohingegen meines Erachtens nach Berlin zum Beispiel stagniert. Es existiert eine beachtenswerte junge Szene - sowohl was Künstler als auch ambitionierte Galerien betrifft. Nach einigen Durchhängern ist es für mich schön zu beobachten, dass in den letzten Jahren interessante Galerien eröffnet haben.

Und die Museumslandschaft?

Im Gegensatz dazu lässt die Profilschärfe bei manchen Museen und Institutionen zu wünschen übrig. Da orientiert man sich lieber an internationalen Blockbustern. Es gibt beispielsweise keine kanonische Sammlung mit den bedeutendsten österreichischen Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - das wäre ungemein wichtig für das Land. Immer nur Klimt und Schiele kann’s nicht sein. Lassnig, West oder Zobernig werden die Touristen auch bald sehen wollen!

Sie haben Architektur studiert und künstlerisch gearbeitet. Was war dafür ausschlaggebend, dass Sie quasi die Seiten gewechselt haben?

Das hat sich 1980 während eines Studienaufenthalts in New York abgezeichnet: Ich habe mitbekommen, mit welcher Energie und Überzeugung Künstlerinnen und Künstler hier gearbeitet haben - mit welcher Hartnäckigkeit und ungeheurem Biss. Das hat mir einfach bei meinem Schaffen gefehlt. Zurück in Graz kam es zum Schlüsselerlebnis: Der Leiter der Neuen Galerie, Wilfried Skreiner, hat mir am selben Tag eine Einzelausstellung angeboten, an dem ich die Zusage für die Galerienräume in der Wiener Ballgasse bekommen habe. Ich habe die Ausstellung sofort abgesagt - ich wollte niemals ein nur mittelmäßiger Künstler werden!