Der Hut des Zauberers: also doch kein artgerechter Kaninchenstall? "Close Your Eyes" von Sydney Shen. - © Sydney Shen/Sophie Tappeiner Galerie/kunst-dokumentation.com
Der Hut des Zauberers: also doch kein artgerechter Kaninchenstall? "Close Your Eyes" von Sydney Shen. - © Sydney Shen/Sophie Tappeiner Galerie/kunst-dokumentation.com

Die Natur hat ADHS

(cai) Sein Name ist definitiv nicht Programm. Weil Zimmer, das ist doch ganz eindeutig ein Indoor-Name. Stubenhocker ist der Bernd Zimmer aber echt keiner. Es zieht ihn raus in die Natur. In den Wald, in die Wüste, ans Wasser. (Letzteres kennt er ja quasi besonders intim. Immerhin war er Deutscher Meister im Segeln.) Sogar in den Himmel drängt es ihn. Bis ins All hinein. (Was nicht heißt, dass er nie ein Interieur gemalt hätte.)

An allen möglichen Orten hat er sich die Natur bereits live angeschaut (in Marokko, Spanien, Italien, Malaysia, Thailand, Indonesien, Polynesien, Indien, China, Mexiko, Arizona, Namibia, Ägypten, Island, im Öztal in Tirol . . .) und hat sie dann in eine lebendige (oder vielmehr lebhafte) Malerei übersetzt. Na ja, eine Landschaft ist eben kein Stillleben und er ist ein "Junger Wilder" (noch mit 70). Im Artemons Contemporary kann man förmlich den Sprühnebel im Gesicht fühlen, wenn sich die Bäche dramatisch in die Tiefe stürzen. Nicht einmal der beschaulichste Wald gibt Ruhe. Auch der kann so hyperaktiv sein, dass man sich schon fragt, ob der ADHS hat. Die Farbe scheint einfach nicht trocknen zu wollen und noch immer zu fließen und zu spritzen. Selbst die stehenden Gewässer (mit reizvollen Spiegelungen) zittern. Unglaublich nuancenreich und oft mit aquarelliger Leichtigkeit abstrahiert Zimmer seine Landschaften zur puren Mal-Lust.

Ins Weltall ist er aber nur mit dem Pinsel geflogen (bildlich gesprochen, also nicht wie die Hexe auf dem Besen): "Das geheime Leben der Sterne." Eine bunte Action-Party. Kosmische Farbexplosionen.

Ein bissl heraus fällt das rätselhafte Bild "5 Kontinente: Instabil V". Vier aufgetürmte Farbtrümmer im Freien. Vier? Und wo ist der versprochene fünfte Kontinent? Ich hab’s: Auf dem steht sie drauf, die gemalte Skulptur. Rätsel gelöst.

Ludwig, Otto, Cäsar und Heinrich

(cai) Wie schrieb bereits Wittgenstein: "Wovon man nicht sprechen kann, darauf muss man schei- . . ." Nein, Tschuldigung, darüber muss man natürlich schweigen. Aber die Ausstellung bei Sophie Tappeiner lässt einen halt ständig an Darmentleerungen denken. Nicht, dass einen hier Unaussprechliches erwarten würde. Manchen könnte es höchstens ein bissl peinlich sein, darüber zu reden.

Worüber eigentlich genau? Denn trotz der "Gucklöcher" blickt man nicht wirklich durch. Bleibt alles irgendwie mysteriös. Der Titel der Schau legt jedenfalls nahe, es ginge ums Bravsein, um Erziehung: "Every Good Boy Does Fine." (Oder um Musik? Schließlich ist das ein Merkspruch für die Tonstufen.) Jedem braven Buben geht’s also gut. Beziehungsweise macht er es gut. (Es?) Sieben kleine Sessel werden da mit musealem Ernst präsentiert. Könnten quasi von den sieben Zwergen stammen. Bloß dass deren Sitzgelegenheiten wohl kein Loch gehabt haben dürften. Sydney Shen, die sich für so exotische Dinge interessiert wie "nekropastorale Literatur", hat alte Leibstühlchen für Kinder gesammelt. Toilettentrainer aus Holz. Und mit kryptischen Beschriftungen versehen. "Please Excuse My Dear Aunt Sally" - was soll man ihr denn verzeihen, der Tante Sally? Nix. Das ist eine Eselsbrücke. Was Mathematisches. Quält man jetzt schon die Kleinsten mit "Punktrechnung vor Strichrechnung"? Daneben rückt eine brutale Rückhaltevorrichtung für Kaninchen ("Hotel Echo Romeo Oscar" - Hero) die Sesserln in die Nähe von Foltergeräten. Und fast anklagend häufen sich unter den Löchern die Maiskörner. In den gläsernen Sockeln. Haben Martha, Anton, Ida, Siegfried, Konrad, Anton, Cäsar, Konrad, Emil und Richard ihr Gemüse schlampig gekaut?

Eine sehr physische (und komplexe) Schau, in der der abwesende, dressierte Körper umso deutlicher spürbar ist. Ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, ist auch kein lustiger Trick mehr. Das Viecherl ist bis aufs Skelett abgenagt. Der Werktitel will uns diesen Anblick zwar lieber ersparen ("Close Your Eyes"), aber wir sollen ja hinsehen. Wäre der Zylinderhut sonst aus Glas? Surreal. Und eigenwillig.