Dunkle Regenwolken. Ein Sturm naht. Das Meer ist unruhig. Wellen türmen sich auf. Gerhard Richters "Seestück (Welle)" wirkt dramatisch. Man spürt förmlich die Kälte, den Wind, die Nässe, die Unruhe. Daneben hängt Richters "Seestück (Morgenstimmung)". Das Meer ist flach, ruhig. Es dämmert noch, weshalb das Wasser tiefschwarz ist. Am Horizont erahnt der Betrachter jedoch die bald aufgehende Sonne.

Die Stimmungen, die Gerhard Richter, Jahrgang 1932, in seiner Seestück-Serie maritimer Landschaftsmalereien erschafft, ziehen in den Bann. Vor allem aber irritieren sie den Betrachter. Wer den kreisrunden Ausstellungsraum 304 im nordspanischen Guggenheim-Museum in Bilbao betritt, wird erst einmal stutzen. Von weitem sehen die Exponate wie großformatige Fotografien aus. Kommt man den Werken näher, wirken einige Bilder sogar wie unscharfe Polaroid-Aufnahmen. Steht man direkt vor ihnen, sieht man jedoch, dass es sich um Ölgemälde handelt. Mehr noch - um abstrakte Malerei.

Optische Täuschungen

Richter warf von ihm gemachte Meer-Fotografien mit einem Projektor auf eine Leinwand, auf der er mit stark verdünnten Farben die Bilder nachzeichnete und die noch frische Farbe hinterher verstrich und verteilte. Dadurch erzeugte er nicht nur Oberflächen, die der einer Fotografie ähneln, sondern produzierte auch die erwünschte Unschärfe des Dargestellten.

Dabei handelt es sich nicht um einfache fotorealistische Naturdarstellungen, sondern teilweise um Fotocollagen. "Richter fügte Bilder zusammen, nahm den Himmel einer Fotografie, um sie mit dem Meer oder einer konkreten Welle eines anderen Fotos zu kombinieren", erklärt Ausstellungskuratorin Lucía Agirre. Der langgezogene Horizont, Wellen, Wolken, durchbrechendes Licht, subtile Farbeffekte. Viele Elemente seiner fiktiven, teils schwermütig melancholischen Seelandschaften stellte Richter in einer sehr modernen Formsprache bewusst in die Tradition der deutschen Romantik, vor allem in Anlehnung an Caspar David Friedrich. Andere wirken wie populäre Momentaufnahmen aus einem Familienurlaub.

Aufnahmen, die einen nur schwer loslassen. Die einen ständig einladen, erneut hinzuschauen. Warum? Weil die Gemälde irritieren. Weil unser Gehirn uns sagt, hier stimmt etwas nicht. "Neben der Unschärfe und des fotorealistischen Effekts abstrakter Malerei sind es vor allem andere optische Täuschungen, Sensationen und Illusionen, mit denen Richter den Betrachter zwingt, sich sehr intensiv mit dem Werk auseinanderzusetzen und die eigene Sichtweise immer wieder zu hinterfragen", erklärt Agirre.

Die Platzierung der Horizontlinien, Lichteffekte auf dem Wasser, die nicht mit dem Himmel übereinstimmen, die farbliche Austauschbarkeit von Meer und Himmel. Richter führt in die Irre und lässt den Betrachter bei jedem Blick etwas Neues entdecken.

Richters Seestück-Serie ist etwas besonders. An den Bildern wird wunderbar deutlich, wie sich der berühmteste deutsche Künstler in den 1960er Jahren mit aktuellen Trends wie Pop-Art, Fotorealismus oder Fluxus-Bewegung auseinandersetzte, sich in der Praxis aber gleichzeitig von diesen absetzte.

Dabei ist die Ausstellung im Guggenheim Museum Bilbao aber auch eine einzigartige Gelegenheit zu sehen, wie der Künstler seine Technik über 30 Jahre entwickelte, in denen er die maritimen Landschaftsarbeiten kreierte. Das erste "Seestück" besticht noch durch eine klar ersichtliche Pinselführung, bei der Richter die Wellen durch Farbvolumen erzeugte. Im ebenfalls 1969 entstandenen Gemälde "Seestück (grau)" verschwindet die Meerlandschaft sogar komplett hinter grau-abstrakten Farbflächen. Danach benutzte Richter dann zunehmend seine fotorealistisch, gestrichene Oberflächen-Maltechnik.

Die Ausstellung zeigt mit "Seestück" (1969) und "Seestück" (1998) dabei nicht nur das erste und das letzte Gemälde der Serie, sondern insgesamt zehn an der Zahl. "Es ist das erste Mal, dass so viele Bilder dieser kleinen Serien gemeinsam ausgestellt werden", versichert Kuratorin Agirre, die fast drei Jahre brauchte, um die Exponate zusammenzukriegen.

Es existieren nur 24 "Seestücke". So ist es auch nicht verwunderlich, dass das "Seestück (leicht bewölkt)" mit 19,3 Millionen US-Dollar zu den fünf teuersten Gemälden eines des weltweit teuersten Künstlers zählt.

Die meisten "Seestücke" befinden sich in privaten Kunstsammlungen. In großen Richter-Retrospektiven wie im Pariser Pompidou, in der Londoner Tate oder im MoMa in New York wurden ein oder zwei "Seestücke" gezeigt. 1977 waren einmal vier Exponate in einer Richter-Ausstellung in Hannover zu sehen. Doch niemals waren es zehn Werke auf einmal.