Auf Biegen und Brechen: Toni Stegmayer krümmt Kalkstein wie Bananen. - © Martin Seidenschwann
Auf Biegen und Brechen: Toni Stegmayer krümmt Kalkstein wie Bananen. - © Martin Seidenschwann

Keine Schonzeit für Feen

(cai) Da jagt jemand Feen? Stehen die denn nicht unter Naturschutz? Aber egal. Erlegt hat er offenbar eh keine. Abgesehen davon, dass seine Waffe sowieso nur ein Pinsel gewesen wäre. Und mit dem kann man ja höchstens die Malerei umbringen. Für diese Ausstellung kamen jedenfalls keine Märchengestalten zu Schaden. (Und die Malerei ist auch nicht gestorben.)

"One Night While Hunting For Faeries": Der Titel der Schau im Loft 8 ist übrigens ein Zitat. So beginnt ein recht brutales Lied von The Flaming Lips. Märchenhaft (auf eine verwunschene, unheimliche Art) ist die Stimmung in den Bildern von Xu Hongxiang ebenfalls. Düstere Landschaften (oder eher intime Ausschnitte daraus). Weiße Vögel leuchten im nächtlichen Geäst, eine Nackte drückt sich mit schamhafter Unschärfe scheu im dichten Unterholz herum (doch eine Fee?). Die undeutlichen Gestalten, die in "Ghosting 1 - 3" herumgeistern (ein Affenmensch plus Kind?), begeistern allerdings weniger. Mich zumindest. Plumpe Störfaktoren in der puren Natur. Nämlich vor allem auch in der Natur der Malerei. Und die beherrscht Xu ja zweifellos. Geht höchst lebendig mit der Farbe um. Malt teils mit den Fingern, ritzt, lässt die Linien wie Gräser wachsen, nimmt wieder was weg . . .

Als er heuer sein Atelier in Peking verlassen musste, weil das komplette Gebäude plötzlich Büros weichen sollte, hat er noch geschwind ein riesiges Graffito an die Wand gesprüht: einen abgemagerten streunenden Hund, der also kein Zuhause hat. Ein Video zeigt den Künstler bei der Arbeit an seinem imposanten Abschiedsgruß. Und weil ein Bild wohl mehr sagt als 1000 Kommentare, hat er im Loft 8 einen vielsagenden Schnappschuss aus einem Wiener Park dazugelegt. Von einem gut gefütterten Wauzerl, das bestimmt keiner auf die Straße setzen wird.

Und wer biegt jetzt die Banane gerade?

(cai) Bananen sind bekanntlich krumm. Warum auch immer. (Weil der Bauer sie kitzelt, bis sie sich vor Lachen krümmen?) Jedenfalls lassen die sich nimmer geradebiegen. Bei den krummen Dingern vom Toni Stegmayer geht das aber schon. Obwohl Kalkstein nicht unbedingt sehr elastisch ist.

Der Bildhauer verbiegt also gekonnt Steine. Ja gut, mit invasiven Techniken. Durch Schnitte und gezieltes Brechen. Dafür sind seine schlanken Quader jetzt fast so flexibel wie Wirbelsäulen. Voller latenter Dynamik. Und sie haben tatsächlich was von aufgetürmten Wirbeln, die sich sanft "verbeugen". Und man muss nicht einmal Chiropraktiker sein, um sie wieder aufzurichten. Nur zwei Hände haben. Okay, die, die in der Galerie Straihammer und Seidenschwann sogar einen U-Turn machen wie Hufeisen, sind nicht mehr zu begradigen. Und die "Loops" (schwungvolle Endlosschleifen), die waren nie gerade. Stegmayer kostet jede Eigenschaft des Materials voll aus. Setzt sich nicht zuletzt mit scheinbarer Leichtigkeit mit dessen Schwere auseinander. Einmal stützt er ein Trumm, aus dem er unten was rausgeschnitten hat, mit einem alten, klobigen Bildschirm ab. Überträgt auf diese Prothese eine Live-Aufnahme vom amputierten Stück. Das mediale Bild ersetzt die Realität. Ziemlich modern. Trotz des "steinzeitlichen" Monitors. Elementare Arbeiten, faszinierend einfach und klar und dabei auf Schritt und Tritt überraschend und irritierend. Apropos auf Schritt und Tritt. Man weiß ja, man kann nicht in das Grab hineinfallen, das einem hier in den Weg gebuddelt wird. Das ist ein auf den Boden projiziertes Video, hallo? Trotzdem hätte ich beinah gewartet, bis dieser "Sisyphos mit der Schaufel" das sinnlose Loch (quasi eine Skulptur aus Leere und Zeit) wieder zugeschaufelt hat.

Im Kabinett: Andreas Rhombergs grandiose HDR-Fotos. Verlassene Orte, die in einer unwirklichen, postapokalyptischen Atmosphäre überwältigend pittoresk verfallen. Die Natur wächst andächtig in eine Kirchenruine hinein. Tja, life must go on. Auch nach dem Aussterben der Menschheit und ihrer Götter.