Der Krieg gegen Denkmäler ist schon in der Antike eine symbolische Erweiterung eigentlicher Konflikte gewesen. Heutiger Ikonoklasmus weist aber ebenso auf einen undifferenzierten Umgang mit Geschichte hin. Der hasserfüllte Sturz von Denkmälern wird gerne als propagandistisches Mittel genutzt, egal ob von Staaten, Terroristen oder sogar der künstlerischen Avantgarde. Die Ukraine ist durch die russische Aggression im letzten Jahrzehnt und die in der Folge 2015 zum Gesetz erhobene "Dekommunisierung" ein besonderes Beispiel. Sie hat mit dem 1982 in Kiew geborenen Künstler, Autor und Aktivisten Nikita Kadan einen kritischen Beobachter, der gesellschaftliche Probleme seines Landes wie der ganzen Welt zudem in Bezug auf das neoliberale Profitstreben betrachtet und uns zu einem subtileren Umgang mit Kunstgeschichte auffordert.

Berge aus Beton

Im Mumok hat Kadan drei Denkmalsockel der frühen Zeit der Sowjetunion wie Berge aus Zement bis knapp unter die Decke aufgebaut. Zwei davon zeigen kubofuturistische Formen, eines ist streng konstruktivistisch. Das größte Podest trug in Bachmut die 30 Meter hohe Figur des Revolutionshelden Artjom (Fjodor Sergejew) mit erhobenem Arm: Er war Vorsitzender der Volkskommissare von 1918. Die Nationalsozialisten zerstörten die Skulptur, unter Stalin folgte dann die Sprengung des Sockels, da die "lebendigen Formen" (Carl Einstein), die auch Kasimir Malewitsch 1916 in einem programmatischen Text als Zeichen der Moderne beschrieb, im Sozialistischen Realismus untragbar wurden. Die Stalin-Ära duldete nur noch klassizistische Rechteck-Podeste, und der ukrainische Bildhauer Iwan Kawalaridse (1887-1978), doppelt begabt als Avantgardefilmer der ersten Stunde neben Sergej Eisenstein, fiel 1935 durch seinen Film "Prometheus" in Ungnade.

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1958 wurde er rehabilitiert, doch sein heute noch etwas ramponiert erhaltenes zweites Denkmal von Artjom in Swjatohrisk von 1927 fällt in die von Kadan heftig kritisierte Diskussion um eine Schleifung in Folge der Dekommunisierungsgesetzte der Ukraine von 2015. Es steht auf den "roten Bergen", ehedem heilige Berge mit einem riesigen Kloster, das nach Verwendung als Erholungsheim und Bibliothek geschleift und erst 1992 wiedererrichtet wurde. Das derzeit immer noch höchste Betondenkmal Europas zeigt eine weitere Figur Kavalaridses mit dynamischen Kubo-Formen in kolossaler Größe von 28 Metern auf konstruktivistischem Sockel. Auch sein Denkmal für den Ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko in Romny von 1926 war mit damals ultramodernen kubofuturistischen Sockel Teil der Sowjet-Avantgarde und wurde in den 1950ern Opfer des Stalinismus.

Der zweite Künstler, den Kadan in die wichtige Denkmaldiskussion einbringt, ist Wassili Jermilow (1894-968), der ein farbiges Denkmal für die drei russischen Revolutionen von 1825, 1905 und 1917 als Modell von 1922/25 hinterließ. Er begründete eine dem Bauhaus ähnliche Schule, bevor er aller konstruktivistischen Kunst abschwor, um nur noch stalinistische Agit-Prop-Kunst zu machen.

Bomben und Denkmäler

Als "Victory (White Shelf)" ist es von Kadan 2017 in strahlendem Weiß nachgebaut worden, kombiniert mit zu einem Klumpen zerschmolzenen Geschirr aus einem 2014 bombardierten Wohnhaus in Lysychansk im Donbass. Die Fortschrittsreihe der Revolutionen und historischen Avantgarden wird damit und mit weiteren Werken Kadans ad absurdum geführt. Vor einer Stahlplatte hat er das zerschossene Wohnhaus fotografisch auf einen Vorhang projiziert, daneben einen Ausschnitt eines weiteren Dichterdenkmals und die Eisenspeere "Tiger’s Leap" gestellt; sie sind Nachbildungen der von Arbeitern für ihren Aufstand in Gorlowka 1905 umgearbeitete Werkzeuge gegen Kosaken und Polizei.

Die Virulenz ukrainischer Geschichte und ihrer Kunstwerke sind weiters durch eine Diashow, eine Art Kriegstagebuch Kadans von 2014, und durch historische Aufnahmen von Menschenmassen vor dem Artjom-Denkmal unterstrichen. Kurator Rainer Fuchs hat den Podesten zusätzlich mit indirekter Lichtführung das ambivalente Wesen propagandistischer Bühneninszenierung gegeben.