- © Bonvicini/Bildrecht Wien
© Bonvicini/Bildrecht Wien

Aufgeladene Symbolik in Form, Material und vor allem in der Reaktion auf den Expo-Pavillon Karl Schwanzers für Brüssel 1958 bringt Monica Bonvicinis architektonische Intervention "I cannot hide my anger". Dazu klebt sie eine weitere Arbeit, den Schriftzug "Hysteria" aus matt gewachstem Alu, bei dem das S zum Dollarzeichen mutiert, an die Eingangsfront eines Gevierts aus leicht spiegelnden Aluminiumplatten, die bis an die Decke reichen. Besuchern wird der Aus- und Durchblick im Hauptraum des Glaspavillons verweigert, die Raummitte ist verschlossenes Gebiet, als Abschluss sind hoch an den Platten Öffnungen Stacheldrahtspiralen montiert.

Im unbetretbares Gefängnis

Das Museum wird zum unbetretbaren Gefängnis (wie Bonvicinis institutionskritischem Text zu entnehmen ist) - für die Menschen und gleichermaßen für die Kunstwerke, die hier in der Sammlung wie in einem Mausoleum vor sich hinsterben. Allerdings ist natürlich gleichermaßen die politische Symbolik von Grenzzäunen wie sie in Europa, Israel oder zwischen Mexiko und den USA gezogen werden, zu bedenken, aber auch einfach die zu Forts umbauten Gated Communities von Privatpersonen im weltweiten Turbokapitalismus. Zudem wird der ständig überhitzte Kunstmarkt hier durch das Dollarzeichen in "Hysteria" angesprochen, man könnte die Assoziationen aber selbst auf Wien übertragen - von Marc Aurels Militärlager bis zu Sigmund Freuds "Studien zur Hysterie", geschrieben 1895. Die männlichen Machtstrukturen, die sich in den Architekturformen zeigen, werden ergänzt durch Bezug auf den Namen der feministischen "Akademischen Burschenschaft Hysteria zu Wien". Die dabei spürbare Sozialkritik der Künstlerin ist also nicht von Moralanspruch geprägt, sondern eher von trockenem Humor begleitet.

- © Bonvicini/Bildrecht Wien
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Vom Obergeschoß gesehen, ist das große leere Geviert einfach nur ein Freiraum hinter 7,3 Tonnen Metallwand. Fünfzehn Jahre hat die 1965 in Venedig geborene Künstlerin an der Wiener Akademie unterrichtet - ob sie diese Zeit hier kommentiert? Mittlerweile sind ihre Schülerinnen Toni Schmale oder Anne Witt in Museumsausstellungen präsent. Sie selbst kassiert 20 Jahre nach dem Goldenen Löwen in Venedig immer noch Auszeichnungen wie den Hans-Platschek-Preis dieses Jahres für Kunst und Schrift.

Zu Ai Weiweis Teehaus und dem großen Styropor-Block "Loch" der Gruppe Gelatin ist nun eine weitere Intervention ins 21er Haus gekommen, die zeigt, wie gut der schwierige Raum mit einem guten Kunstkonzept bespielbar ist; so wird dieser Ausschluss für Betrachter und Werke sicher in Erinnerung bleiben wie die Bleikammer, die Eva Schlegel 2005 in den Hauptraum der Secession einbaute.

Brisante Gegenwartsfragen

Monica Bonvicinis Marlboro-Mann zündet sich eine Zigarette an: Hinterfragte Stereotypien der Männlichkeit? - © Bonvicini/Bildrecht Wien
Monica Bonvicinis Marlboro-Mann zündet sich eine Zigarette an: Hinterfragte Stereotypien der Männlichkeit? - © Bonvicini/Bildrecht Wien

Im begehbaren Umraum wird an der vorderen Raumecke der entlang eines Zaunes reitende Marlboro-Mann als monumentaler Fotodruck sichtbar, den Bonvicini schon 1990 in der Protestarbeit vieler international bekannter Künstler gegen die erste blauschwarze Regierung an der Fassade der Secession mit erhobener Faust reiten ließ. Diesmal zündet sich der Cowboy-Macho eine Zigarette an, was immer wir damit assoziieren. Davor steht ein Stockbettenobjekt, "Double Trouble": Statt Matratzen gibt es Spiegel, ein Ledergürtel ist eingebaut, dessen Symbolik der Domestizierung neben Flüchtlingslager auch in erotischer Hinsicht deutbar ist. Sie widmet sich dem sadomasochistischen Ledergürtel in einer weiteren Skulptur in Säulenform, bei deren Verflechtung eine Seite wie eine Wunde aufbricht.

Eines ihrer seit 2008 entstehenden Gemälde, eigentlich eine monumentale Schwarzweißzeichnung, hängt an der Stiegenhauswand: "Wildfire Kern" entstand 2016 als Blick auf die Brandkatastrophen in Kalifornien, zudem behandelt sie in diesen Arbeiten seit 2008, eine davon war am Graben kürzlich zu sehen, auch Wirbelstürme und alle Anzeichen katastrophaler Erderwärmung. Statt romantischer Ruinenlandschaft und abgeschlossener Ritterburg machen wir harte körperliche und intellektuelle Erfahrungen in dieser Ausstellung. Die verleugneten Probleme werden klar angesprochen, Bonvicinis Wut weist formal wie auch durch die Materialien auf politisch brisante Gegenwartsfragen wie Klimawandel, Kapitalismus und Migration hin. Stereotype Männlichkeitsgesten lassen uns schmunzeln, jedoch sind darin auch Codes rechtsradikaler Ideologien zu finden und damit der Hinweis auf Versäumnisse gegenwärtiger Regierungen.

Nach Kalifornien, Kopenhagen und Wien lehrt die Künstlerin heute Bildhauerei an der Universität der Künste in Berlin. Sie hat im öffentlichen Raum dauerhafte Land-Art-Marks hinterlassen, am Oslo Fjord (seit 2010) genauso wie im Londoner Queen Elisabeth Olympic Park (2012).