Die Farbe hat halt einfach viel zu viel Zeit: "A Perfect Way To Waste Time" (2018) von Markus Hofer. - © Mario Mauroner Contemporary Art
Die Farbe hat halt einfach viel zu viel Zeit: "A Perfect Way To Waste Time" (2018) von Markus Hofer. - © Mario Mauroner Contemporary Art

Der Bleistift ist vermint

(cai) Seine Schubladen (ich meine die, die man im Kopf hat) braucht man in der artmark galerie gar nicht erst zu öffnen. Man müsste sowieso ständig umräumen, bis man sich am Ende überhaupt nimmer auskennen würde.

Wenn Bálványos Levente fragile Striche macht (und die könnten in dem Fall wirklich zerbrechen, sind allerdings hinter Glas), dann klingt das sehr nach Zeichnung, aber ist es auch eine? Graphitminen stecken hier nämlich wie Nadeln in Gipsplatten, verdichten sich zum aufgelockerten Chaos, zur scheinbar zufälligen Ordnung. Der Blick wandert über ein "Minenfeld". Intime Arbeiten und so leise, dass man, na ja, eine Mine brechen hören könnte. Selber nennt der Ungar seine brutalen und zugleich feinen Materialzeichnungen "Graphit-Reliefs". Und er versteht sich eben auf die kleinen Gesten mit "armen" Materialien. Seine mit klaren Farben (und Bauhaus-Anklängen) akzentuierten Holzassemblagen sind da viel handfester. Und verspielter. Die Biegung einer Sessellehne: eine vage Erinnerung an eine Funktion, ihr Echo, das in einer selbstgenügsamen Konstruktion nachhallt. So, und die Dinger steck ich jetzt in die Lade mit der Aufschrift "Konstruktivismus".

Ergänzend zur Levente-Schau: Reduktion mit Mehrwert. (Weniger ist mehr.) Christian Caps Karos sind regelrechte "Bewegungsmuster". Können nicht stillhalten. Bei der minimalsten Änderung des Blickwinkels wechseln die Kastln die Farbe. Diese Linsenrasterbilder enthalten obendrein versteckte Botschaften. Zitate. Farbcodiert. Abstrakte Kunst als Tarnung? In Josef A Mosers strenger Geometrie hat nüchternes Weiß eine mysteriöse bunte Ausdünstung. (Reflexionen von verborgener Malerei.) Und von Fritz Ruprechter: Streifen in verhaltener Dynamik in sinnlicher Kombination mit geknautschtem Papier. Kalkül mit Gefühl.

Die Farbe lacht sich ins Bunte

(cai) Die Realität ist eben Privatsache. Vielleicht nicht jede Realität. Aber die eigene. Der Markus Hofer zeigt uns jedenfalls seine. Oder: eine. Ohne s. Schließlich heißt die Ausstellung in der Galerie Mauroner ja nicht "My Private Reality", sondern "A Private Reality".

Dinge, mit denen wir den Alltag bewältigen, mit denen wir wohnen, leben, überleben, die sind plötzlich gar nimmer so gewöhnlich. Werden mit surrealem Witz verfremdet. Aus einem barocken Spiegel macht ein simples Kabel ein technisches Mysterium. Und wenn man ihn jetzt aussteckt, den Spiegel, verschwindet das Spiegelbild. Nein, Blödsinn. Warum "Blödsinn"? In Zeiten von Spiegel-Apps fürs Handy, da muss man das doch fast für möglich halten. Oder zieht nie jemand in der Früh auf dem Badezimmerspiegel zwei Finger auseinander und versucht, sein Gesicht zu vergrößern?

Eine Zahlenreihe gibt Rätsel auf (weil das die Bestandteile der Zeit sein sollen): "111112234567890//" Hofer dazu: "Dieses Bild hat jeder schon millionenfach gesehen. Aber in einer anderen Anordnung." Na ja, auf dem Ziffernblatt halt. Und dort sind wirklich fünf Einser drauf. Hab’s nachgezählt. (Das am Ende sind übrigens die Uhrzeiger.)

Die Sprache nimmt der Oberösterreicher sowieso wörtlich und die Begriffe materialisieren sich bei ihm höchst eigenwillig. "Farbfoto": Einer Analogkamera hängt ganz analog eine mintgrüne Rotzglocke runter. Das Objektiv spuckt also eine minimalistische Malerei aus. Farbe wird zum Objekt und das zu einem Hybriden aus Malerei und Skulptur. Manchmal verdünnt sich die Farbe hier auch zur Linie und zeichnet. Und wenn Hofer Bier auf einem Sockel verschüttet? (Eigentlich Farbe.) Und die Dose derweil wie ein Straßenkünstler levitiert? Für die andern ist Efes nur ein türkisches Pilsner, "aber in meiner Welt heißt es ,Entwurf für eine Skulptur‘". He, und wem die große Welt zu kompliziert geworden ist, der kann seine Hände ja einfach in unschuldigen Aquarellen waschen. Tschuldigung: in "Wasserfarben". Sich biedermeierlich in die Idylle zurückziehen. Okay, die Heile-Welt-Farben, mit denen sich diese vier Waschbecken da grad volllaufen lassen, die tun bloß so flüssig. In Wahrheit sind sie hart und fest. Was soll’s? Das ist Kunst, hallo? Die darf man eh nicht angreifen.