Gelatin bekamen von Nicolaus Schafhausen die Gelegenheit, den großen Saal der Kunsthalle für den Dreh eines Experimentalfilms zu nutzen, den sie seit 2000 mit dem englischen Künstler und Kritiker, Liam Gillick, angedacht haben. Bis einschließlich 13. Juli wird der Spielfilm "Stinking Dawn" in einer Bauklotzarchitektur (grau bemalte Styroporblöcke, -säulen und -bögen) gedreht. Das Publikum kann daran teilnehmen und den Eintrittspreis wie eine Mitwirkung am Spiel selbst bestimmen.

Der Film wird im Herbst fertig, einige Sequenzen werden ab 14. Juli an die als Ruine bis 6. Oktober stehenbleibende Kulisse projiziert werden. Der Inhalt der etwa zehn Szenen vereint, wie so oft im Teamwork von Florian Reiter, Wolfgang Gantner, Ali Janka und Tobias Urban (gemeinsam mit Gillicks kritischem Blick auf neoliberale Absurditäten), neben sinnlich erlebnisoffenen Alternativen künstlerischer Produktion, eine politische und inhaltliche Polyfokalität, die ihresgleichen quer durch die Kunst- und Filmgeschichte sucht.

Gelatin & Liam Gillick drehen in der Kunsthalle den Film "Stinking Dawn" und überschreiten damit die Grenzen zwischen Kunst, Film und Performance. - © eSeL
Gelatin & Liam Gillick drehen in der Kunsthalle den Film "Stinking Dawn" und überschreiten damit die Grenzen zwischen Kunst, Film und Performance. - © eSeL

Philosophie und Burleske

Teile des Skripts nehmen Anleihen aus dem 1998 erschienen Buch des französischen Philosophen Gilles Châtelet über "Leben und Denken wie Schweine" über einen neoliberalen Egomanen. Doch könnte man in eine der ersten Szenen die Burleske über den Künstler und Bergwerksdirektor Brauxel aus Günther Grass‘ "Hundejahren" aus der Zeit des "Wirtschaftswunders" mit hineinlesen, wie auch den erst 1967 von Albert Speer geprägten Begriff des "Ruinenwerts" dauerhafter Architektur. Diktaturbauten-Schwulst trifft auf Kurt Schwitters‘ Merzbau in der Bauklotz-Kulisse.

Die Aufarbeitung nationalsozialistischer Flecken wird deutlicher durch die zweite Figur im Skript, einen erfolgreichen Architekten von Mausoleen, der das Symbol eines Hakenkreuzes in einem an das Leningrabmal erinnernden Bau hinterlässt. Genannt wird im Pressetext auch der 1972 unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommene kommunistische Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der den Staat attackierte: Mit ihm kommt die revolutionäre Utopie mit hinein.

Das Spiel um "bedauernswerte junge Snobs" beinhaltet die Szene in der Fabrik eines seine Arbeiter antreibenden Unterwäschefabrikanten, der mit Weinglas und Korsage, weißer Hose, Zopf und Sonnenbrille zwischen zwei Fließbändern Befehle gebend hin- und herläuft. Davor hatte der Minenbesitzer seine Sklavenarbeiter mit im Hintern steckenden Pinseln in einem Stollentunnel malen lassen.

Die vierte Unternehmerfigur erzeugt große Sofas, über die er riesige Orientteppiche hängt - ein Objekt am Set erscheint als Memorialcouch für den verstorbenen Freund Franz West, mit dem und Sarah Lucas Gelatin auch Filme drehten. Dann fehlt nur noch der im dunklen Tempelhalbrund errichtete Nachtclub, in dem das Lied "Stinking Dawn" von den dilettantischen Musikern gespielt wird. Hier kommt es zum Scheitern aller postutopischen Wunschträume.

Dante trifft Till Eulenspiegel

Im Finale locken Figuren mit großen Hüten, die Bilder aus "Alice im Wunderland", Samuel Becketts "Endspiel" und anderen absurden Theaterstücken assoziieren lassen, die gelangweilten Musiker in einen dunklen Wald. Dort entfacht sich kriegerisch eine Apokalypse, in der alles erodiert. So trifft Dante Alighieris Inferno auf Hieronymus Bosch und den Höllen-Brueghel, kommt vielleicht auch der "Tyll" (Till Eulenspiegel) eines Daniel Kehlmann mit hinein neben dem Ulysses aus dem Manierismus, jener Traumreise einer Seele "Hyptnerotomachia Polyphili".

Um Gelatin & Gillick auf Filmreise samt erotischen Grenzgängen und Schamgrenzen politischer Toleranz zu begleiten, braucht es wie immer verschlungen chaotische Wege - auch in den Gehirnwindungen. Krise und Selbsttäuschung zeigen sich in Gegenwart wie Vergangenheit, die vielen Parallelaktionen spielen genussvoll mit scheinbaren Nonsense-Dialogen. Es ist auch ohne Bildungsballast möglich, dem zu folgen, wenngleich die Archäologie von Hitlers Schäferhund aus den "Hundejahren" wirklich große Freude macht.