Monochrom ist die

bunteste Farbe

(cai) Die Kunst ist an der Erderwärmung jedenfalls nicht schuld. Was nicht heißen soll, dass sie nicht trotzdem einen Einfluss aufs Klima haben kann. Vielleicht nicht auf das von der ganzen Welt. (Höchstens wenn sie zu Ausstellungen und Messen fliegt oder fährt und dabei ökologische Kondensstreifen/Reifenabdrücke hinterlässt.) Auf das Raumklima wirkt sie sich aber definitiv aus.

Die aktuellen Bilder vom Daniel Lergon (Galerie Crone) tun das sogar merklich. Während einer Hitzewelle schwitzt man möglicherweise noch mehr, wenn man sie anschaut, dafür muss man im Winter eventuell weniger heizen. Na ja, die Arbeiten sind rot. Rot: bekanntlich eine warme Farbe. Davor hatte der in Berlin lebende Maler seine grüne Periode. Und was er damals gemalt hat, war gleich dermaßen grün, dass es die Luftqualität verbessert hat. Weil man den Bildern gar eine Photosynthese zugetraut hätte. Dass sie also Sauerstoff produzieren.

Wie abstrakt diese Kunst auch sein mag, völlig gegenstandslos ist sie eh nicht. Ihr Gegenstand ist eben die Farbe. "Die" Farbe, wohlgemerkt. Singular. Eine für alle (nämlich alle Bilder), alle voll mit einer. Denn Lergon kommt mit einem einzigen Pigment aus. War es in der vorherigen Serie das Phthalocyaningrün, holt er diesmal aus dem Alizarin-Karmesinrot eine komplette Farbpalette raus. Von Zartrosa bis zum konzentrierten, blutigen Dunkelrot. Eine sehr intime Beziehung hat er zur Farbe, geht lustvoll mit Spachtel und Rakel auf sie los. Und manchmal macht er dem Rot Feuer unterm Pigment: grundiert die Leinwand bis über die Kante neongelb. Dann hat das Bild eine Aura. Strahlt es geheimnisvoll. Eine pure, sinnliche Malerei mit großen Gesten, in die man Pferde, Phantasiegestalten, geflügelte Kreaturen hineinsehen kann. Und die ziemlich geil ist.

Galerie Crone Wien

(Getreidemarkt 14)

Daniel Lergon, bis 26. Juli

Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 15 Uhr

Originale sind doch

auch nur Kopien

(cai) Vor 90 Jahren hat René Magritte eine Pfeife gemalt und dann behauptet: "Ceci n’est pas une pipe." Dies ist keine Pfeife. Natürlich ist das keine. Das ist das Bild von einer Pfeife. Und das Ding da in der Galerie Janda ist keine Trompete. Aber es war einmal eine.

Während Magrittes Nicht-Pfeife aus Ölfarbe besteht, besteht die Nicht-Trompete nämlich aus . . . Trompete. Tania Pérez Córdova hat einem Straßenkünstler in Mexico City seine abgekauft und jetzt kann man dieser genauso wenig den Odem der Musik einblasen, wie man eine gemalte Pfeife rauchen kann. Ach, weil man das mit einem Kunstwerk halt einfach nicht tut und die Mexikanerin das Instrument kurzerhand zu einem solchen erklärt hat, also zu einem Stück Fertigkunst? Nein, eh kein Readymade. Córdova schmilzt vielmehr Alltagsgegenstände (Wellblechdach, Kleiderbügel . . .) ein und gießt sie neu. In der Gussform, die sie davor von ihnen abgenommen hat. Erzeugt ein Amalgam aus Kopie und Original.

Vermeintlich simple Objekte, die komplexe Fragen stellen. Und die sogar Beziehungen zwischen Leuten herstellen, die sich vermutlich nie über den Weg laufen werden: "Temporary space between two strangers." Eine zahnmedizinische Masse mit vergoldeten Bissspuren. Weil Schweigen Gold ist? Und mit vollem Mund spricht man sowieso nicht. Da haben sich zwei Fremde ja tatsächlich angeschwiegen. Ohne sich dabei zu begegnen. Weil sie nicht zur selben Zeit zugebissen haben.

Diese Kunst ist überhaupt sehr menschlich. Zwischenmenschlich. In einer Art Weihwasserbecken schwimmt eine blaue Kontaktlinse. Ob man sich hier mit dem Finger nicht bekreuzigen, sondern ins Auge fahren soll? Die Vernissagebesucher, die auf der Preisliste gelesen haben, irgendwer würde die andre Linse grad tragen, haben einander aber sicher intensiv in die Augen geschaut. Dass Konzeptkunst mit ihrer eher sperrigen Ästhetik so romantisch sein kann.

Galerie Martin Janda

(Eschenbachgasse 11)

Tania Pérez Córdova, bis 20. Juli

Di. - Fr.: 11 - 18, Sa.: 11 - 16 Uhr