In den leeren Räumen des Wien Museums am Karlsplatz spielt sich gerade etwas ab, das hat es so noch nie gegeben. "Take Over" heißt das neue Programm des Museums - es ist eine Art Abrissparty. Die Graffiti- und Streetart-Künstler haben das Wien Museum übernommen. Bevor im Herbst umgebaut wird, können österreichische Streetart-Kreative im ganzen Haus zeigen, was sie können.

Aber nicht nur die Künstler dürfen sich auf knapp 2000 Quadratmetern austoben. Für die Skateboarder des Landes wurde im Erdgeschoß eine eigene "Skate Area" eingerichtet. Sie wurde von den Designern Spoff Parks aus alter Ausstellungsarchitektur gebastelt. Nicht bloß das ist unkonventionell: Unter dem Motto "Do it yourself" findet von Juli bis September eine Reihe von Workshops statt. Als Streetart-Laie kann man sich auf Leinwänden an der Außenfläche im Rahmen einer "DIY"-Zone künstlerisch ausleben. Direkt neben dem Eingang des Museums hängt eine riesige Arbeit von den Streetart-Künstlern Frau Isa und Nychos. Es stellt eine Frau im klassischen Frau-Isa-Stil dar, die von Nychos dekonstruiert wird.

Denkmalschutz und Kreativität

Eines der Highlights der Ausstellung ist sicherlich die "Hall of Fame" im ersten Stock. Große und kleine bemalte, besprayte Flächen oder auch Skulpturen laden zum Schauen, Staunen und teils auch zum Nachdenken ein. Manches ist nur Dekor, aber viele Arbeiten setzen sich auch mit politischen, philosophischen oder feministischen Themen auseinander. Nychos’ Werke - meist Tiere oder Menschen, deren Innenleben man sehen kann - haben ihren Ursprung in seiner Auseinandersetzung mit der Jagd-Kultur.

Das Wien Museum setzt seinen Fokus auf die österreichische Streetart-Szene. Zunächst seien einige Kunstschaffende skeptisch gewesen, berichtet Kuratorin Christine Koblitz, weil Streetart sich nicht im Museum einsperren lassen soll. Trotzdem ist es gelungen, mehr als 30 Teilnehmer für das Projekt zu gewinnen. Neben der künstlerischen Vielfalt war aber auch der Denkmalschutz essenziell. Denn nicht alle Wände des Museums dürfen als Fläche genutzt werden. Auch die unter Denkmalschutz stehende Stiege von Architekt Oswald Haerdtl ist tabu. Sie wurde zum Schutz mit Holz eingetäfelt, das den Künstlern als Fläche für ihre Arbeit dient. Denkmalschutz und Kreativität begegnen einander spielerisch - wie es auch im urbanen Raum im Idealfall ablaufen sollte.

Zudem war es den Kuratoren wichtig, besonders viel Kunst von Frauen auszustellen. Sie seien in der Streetart wie auch beim Skateboarding noch unterrepräsentiert. China Girl Tile, eine der ausgestellten Künstlerinnen, setzt sich feministisch ein. Sie hat einen vier Meter langen Dinosaurier aus gebrannten Fließen an einer Wand des Museums angebracht. Als mächtiges Tier steht er sinnbildlich für das Aufbegehren der Mädchen und Frauen. Auch mit dabei ist das kämpferische Künstlerinnen-Duo Klitclique, das Binden mit feministischen Sprüchen an die Wände geklebt hat.

Die Streetart-Szene vernetzt sich immer stärker, es bilden sich nationale, sogar internationale Kollektive oder Crews. Die Künstler können einander dadurch besser unterstützen, sich austauschen und gemeinsam arbeiten. All das passiert unter der größtmöglichen Anonymität. Paradebeispiel für ein solches Kollektiv wäre die Secret Society of Super Villain Artists. Sie hat mittlerweile mehr als 2000 internationale Mitglieder, China Girl Tile gehört auch zu ihnen.

Gerade jetzt, in seinem entleerten Zustand, bietet das Wien Museum den perfekten Ausstellungsraum für Graffiti-Arbeiten und Skateboarding. Wie im urbanen Raum ist Streetart auch hier eine ephemere Kunst: Im September werden die Arbeiten im Museum abgetragen. Das spiegelt das Schicksal dieser Werke im "natürlichen" Lebensraum wider. Die Stadt unterzieht sich einem nie endenden Wandel, wie auch Streetart. Täglich kommen neue Arbeiten hinzu, viele von ihnen verschwinden auch bald wieder. Die Dokumentation dieser Kunstform ist daher umso wichtiger, wie in dieser Ausstellung auch Spraycity oder Die 78er mit ihren Fotowänden zeigen. Sie widmen sich schon mehrere Jahre der Dokumentation von Graffiti-Kunst und Streetart.

Das Wien Museum schafft mit dieser Ausstellung etwas Besonderes: Als Museum der Stadt Wien zeigt es die Kunst der Stadt auf neue, frische Weise. Man kann sich kaum sattsehen, so viele kleine und große Kunstwerke gibt es zu entdecken. Der Eintritt ist übrigens - wie es sich für eine anständige Abrissparty gehört - frei.